Fachliche Einordnung
Klinische Relevanz
- Differenzierung Schlaf- versus Wachbruxismus als Grundlage der Beratung
- Einordnung als Verhalten mit potenziellem Risikofaktor-Charakter statt pauschaler Krankheitsdiagnose
- Differenzialdiagnose gegenüber Attrition und anderen Formen des Zahnhartsubstanzverlusts
- Realistische Aufklärung über den Nutzen von Aufbissschienen (Schutz, nicht Ursachenbehandlung)
Klassifikation und Definition
Der internationale Expertenkonsens (Lobbezoo et al., 2013; aktualisiert 2018) definiert Bruxismus als repetitive Kaumuskelaktivität, gekennzeichnet durch Knirschen oder Pressen der Zähne und/oder durch Vorschieben beziehungsweise Anspannen des Unterkiefers, spezifiziert als Schlafbruxismus oder Wachbruxismus je nach zirkadianem Auftreten. Die Aktualisierung von 2018 adressiert explizit die Frage, ob Bruxismus als eigenständige Störung oder als Verhalten mit möglichem Risikofaktor-Charakter für bestimmte klinische Zustände einzuordnen ist: Die Fachdiskussion tendiert zunehmend zur zweiten Sichtweise, da Bruxismus ohne erkennbare negative Folgen nicht zwingend Krankheitswert hat.
Ätiologie: unterschiedliche Mechanismen
Für Schlafbruxismus gilt die Evidenz für eine ursächliche Rolle okklusaler Faktoren als gering; aktuellere Publikationen ordnen Schlafbruxismus eher als sekundär zu schlafbezogenen Mikroarousals ein: kurzen Anstiegen der autonomen kardialen und respiratorischen Aktivität, die physiologisch mehrfach pro Stunde Schlaf auftreten. Für Wachbruxismus sind Physiologie und Pathologie weniger gut erforscht; Stress und Angst gelten hier als relevante Risikofaktoren. Bei beiden Formen werden zusätzlich genetische Faktoren sowie Lebensstilfaktoren (Koffein, Alkohol, Tabak) diskutiert.
Management: Aufbissschienen
Ein Cochrane-Review (Macedo et al., 2007) zur Wirksamkeit von Aufbissschienen bei Schlafbruxismus kommt zu dem Schluss, dass für eine zuverlässige Reduktion schlafbezogener Zielgrößen (z. B. Anzahl der Bruxismus-Episoden pro Stunde) derzeit keine ausreichende Evidenz besteht; ein möglicher Nutzen zeigt sich jedoch hinsichtlich des Schutzes vor Zahnabnutzung. Die Autor:innen betonen den Bedarf an methodisch stärkeren randomisierten Studien mit standardisierten Zielgrößen. Diese Unterscheidung (Schutzfunktion versus Ursachenbehandlung) sollte in der Patientenaufklärung explizit gemacht werden.
Was die Daten derzeit nicht zeigen
- Keine ausreichende Evidenz für eine zuverlässige Reduktion der Bruxismus-Aktivität durch Aufbissschienen
- Keine gesicherte ursächliche Rolle okklusaler Faktoren bei Schlafbruxismus
- Physiologie und Pathologie des Wachbruxismus sind im Vergleich zum Schlafbruxismus deutlich weniger erforscht
- Kein etabliertes deutsches S-Leitliniendokument speziell zu Bruxismus, im Unterschied zur Kariesprävention (AWMF 083-021)
Evidenzlage
Lobbezoo, Ahlberg, Raphael et al. (2018): International consensus on the assessment of bruxism: Report of a work in progress. Journal of Oral Rehabilitation, 45(11), 837–844. Aktualisierter internationaler Expertenkonsens; präzisiert die Definitionen von Schlaf- und Wachbruxismus und diskutiert die Einordnung als Verhalten versus Störung.
Macedo, Silva, Machado, Saconato, Prado (2007): Occlusal splints for treating sleep bruxism (tooth grinding). Cochrane Database of Systematic Reviews, 2007(4), CD005514. Systematic Review; keine ausreichende Evidenz für eine zuverlässige Reduktion der Knirschaktivität durch Aufbissschienen, möglicher Nutzen beim Zahnschutz.