Zahnhartsubstanz

Abrasion (Zahnhartsubstanz)

Evidenz: Mittel Zahnhartsubstanz Lesezeit: ca. 5 Min. Fachlich geprüft: 06.08.2026 · KEERN Redaktion

Abrasion ist der mechanisch bedingte Verlust von Zahnhartsubstanz durch äußere Reibung: meist durch Zähneputzen, seltener durch Gewohnheiten wie Nagelkauen. Das Zusammenspiel aus Putzdruck, Borstensteifigkeit und der Abrasivität der Zahnpasta (RDA-Wert) bestimmt das Ausmaß, nicht ein einzelner Faktor allein. Typisch sind keilförmige Defekte am Zahnhals.

Definition

Abrasion ist der mechanisch bedingte Verlust von Zahnhartsubstanz durch äußere Reibung. Häufigste Ursache ist keine Erkrankung, sondern alltägliche mechanische Belastung: vor allem beim Zähneputzen, seltener durch Gewohnheiten wie Nagelkauen oder das Halten von Gegenständen zwischen den Zähnen.

Das unterscheidet Abrasion von Zahnerosion (chemischer Säureangriff, ohne Reibung) und von Attrition (Zahn-zu-Zahn-Kontakt, etwa durch Knirschen).

Typisch sind keilförmige Defekte am Zahnhals, oft begleitet von einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Kalt- und Wärmereizen, sobald Dentin freiliegt. Nicht jeder keilförmige Defekt ist dabei ausschließlich durch Abrasion entstanden: Häufig wirken mehrere Prozesse zusammen, etwa Abrasion gemeinsam mit Erosion oder mit Abfraktion (durch Kaubelastung ausgelöste Mikrofrakturen am Zahnhals).

Kurz gesagt

Wie stark Abrasion auftritt, hängt nicht von einem einzelnen Faktor ab, sondern vom Zusammenspiel mehrerer: dem angewendeten Putzdruck, der Borstensteifigkeit der Zahnbürste und der Abrasivität der Zahnpasta. Erst die Kombination aus zu hohem Druck, harten Borsten und einer stark abrasiven Zahnpasta führt zuverlässig zu vermehrtem Substanzverlust.

Ein häufiger Irrtum

Ein niedriger RDA-Wert (Relative Dentin Abrasivity) wird häufig mit einer generell ‘sanften‘ Zahnpasta gleichgesetzt. Das greift zu kurz: RDA misst ausschließlich die Abrasivität gegenüber Dentin. Der Zahnschmelz wird separat über den REA-Wert (Relative Enamel Abrasivity) erfasst; beide Werte hängen nicht zwangsläufig zusammen. Eine Studie fand Zahnpasten mit sehr niedrigem RDA, aber gleichzeitig sehr hohem REA, und umgekehrt. Ein niedriger RDA-Wert allein garantiert also keine geringe Belastung für den Zahnschmelz.

Risikofaktoren

  • Zu hoher Anpressdruck beim Putzen: gilt als einer der einflussreichsten Faktoren
  • Horizontale, schrubbende Putzbewegungen statt sanfter, kreisender oder vertikaler Technik
  • Harte oder mittelharte Borsten, besonders in Kombination mit hohem Druck
  • Stark abrasive Zahnpasten, etwa bestimmte Whitening-Produkte
  • Nicht-putzbedingte Gewohnheiten wie Nagelkauen, Fadenbeißen oder das Halten von Gegenständen zwischen den Zähnen

Was hilft

  • Weiche Borsten verwenden und Putzdruck bewusst reduzieren
  • Sanfte, nicht-schrubbende Putztechnik: eine Einweisung in der zahnärztlichen Praxis kann helfen
  • Zahnpasta mit moderatem RDA-Wert wählen, insbesondere bei bereits sichtbaren Defekten
  • Elektrische Zahnbürsten mit Andruckkontrolle können überhöhten Druck automatisch begrenzen
  • Bei erkennbaren Defekten: zahnärztliche Abklärung, um weiteren Verlust frühzeitig zu begrenzen

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Abrasion entsteht durch äußere Reibung, meist beim Zähneputzen: anders als Erosion (chemisch) oder Attrition (Zahn-zu-Zahn)
  • Putzdruck, Borstensteifigkeit und Zahnpasta-Abrasivität wirken zusammen, nicht ein einzelner Faktor allein
  • Ein niedriger RDA-Wert bedeutet nicht automatisch eine insgesamt schonende Zahnpasta; der REA-Wert (Schmelz) kann unabhängig davon hoch sein
  • Typisch sind keilförmige Defekte am Zahnhals, oft mit mehreren beteiligten Ursachen
  • Weiche Borsten, moderater Druck und angepasste Putztechnik sind die wirksamsten Schutzmaßnahmen

Weiterführende Themen

Für das Verständnis dieses Themas ist auch Bruxismus relevant: Mechanischer Zahn-zu-Zahn-Kontakt trägt ebenfalls zu Zahnhartsubstanzverlust bei, wirkt jedoch über einen anderen Mechanismus als die hier beschriebene äußere Reibung.

Häufige Fragen

Wie erkenne ich Abrasion an meinen Zähnen?

Typisch sind keilförmige Einkerbungen oder glatte, abgeflachte Bereiche am Zahnhals, oft begleitet von Empfindlichkeit gegenüber Kalt- oder Wärmereizen.

Sind harte Zahnbürsten allein die Ursache?

Nicht allein. Studien zeigen, dass bei moderatem Putzdruck weiche und mittelharte Borsten ähnlich viel Substanz abtragen; erst bei höherem Druck zeigt sich ein deutlicher Unterschied. Putzdruck und Borstensteifigkeit wirken zusammen.

Bedeutet ein niedriger RDA-Wert eine schonende Zahnpasta?

Nicht zwangsläufig. RDA bezieht sich nur auf Dentin; der Schmelz wird separat über den REA-Wert erfasst. Beide Werte können stark auseinanderfallen, weshalb ein niedriger RDA-Wert allein keine Garantie für Schmelzschonung ist.

Muss Abrasion behandelt werden?

Der Substanzverlust selbst ist nicht akut gefährlich, kann aber zu Empfindlichkeit führen und langfristig die Zahnsubstanz schwächen. Frühzeitiges Gegensteuern bei Putztechnik, Druck und Zahnpasta verhindert meist ein weiteres Fortschreiten, ohne dass eine eigentliche ‘Behandlung‘ nötig wird. Bei ausgeprägten Defekten empfiehlt sich dennoch eine zahnärztliche Einschätzung.

Kann sich Abrasion zurückbilden?

Nein, verlorene Zahnhartsubstanz wächst nicht nach. Eine Anpassung von Putztechnik, Druck und Zahnpasta kann das weitere Fortschreiten jedoch wirksam verlangsamen.

KEERN Perspektive

Abrasion zeigt, dass sich Mundpflege nicht auf einen einzelnen Kennwert reduzieren lässt. Erst das Zusammenspiel aus Zahnpasta, Putztechnik, Druck und individueller Situation entscheidet darüber, wie schonend die tägliche Reinigung tatsächlich ist.

Bereits sichtbare Defekte am Zahnhals sollten zahnärztlich beurteilt werden, um die zugrunde liegende Ursache einzuordnen.

Fachliche Einordnung

Klinische Relevanz

  • Differenzialdiagnose gegenüber Erosion, Attrition und Abfraktion
  • Anamnese von Putzverhalten, Zahnbürsten- und Zahnpastawahl
  • Individuelle Empfehlung zu Borstensteifigkeit, Putztechnik und Zahnpasta-Abrasivität
  • Versorgung freiliegenden Dentins bei ausgeprägter Empfindlichkeit

Mechanismus: multifaktoriell

Abrasiver Dentin- und Schmelzverlust entsteht durch das Zusammenspiel von Putzdruck, Borsteneigenschaften (Steifigkeit, Anzahl, Enden-Geometrie) und der Abrasivität der verwendeten Zahnpasta. Keiner dieser Faktoren allein erklärt das Ausmaß des Substanzverlusts zuverlässig; entscheidend ist ihre Kombination.

Borstensteifigkeit und Putzdruck

Hamza et al. (2021) untersuchten an 160 bovinen Dentinproben den kombinierten Effekt von Borstensteifigkeit (weich versus mittel) und Putzdruck (1–4 N). Bei 1 bis 3 N zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied im abrasiven Dentinverlust zwischen weichen und mittleren Borsten. Erst bei 4 N verursachten mittelharte Borsten signifikant mehr Abrieb als weiche. Bei weichen Borsten stieg der Abrieb signifikant von 1 auf 2 N, blieb darüber jedoch weitgehend stabil; bei mittelharten Borsten stieg er kontinuierlich bis 3 N. Die Interaktion zwischen Borstensteifigkeit und Anpressdruck ist damit relevanter als die Borstensteifigkeit isoliert betrachtet.

RDA und REA: zwei unabhängige Kennwerte

Dobler et al. (2023) verglichen vier Zahnpasten mit stark unterschiedlichen REA- und RDA-Werten (u. a. REA 1/RDA 42 versus REA 244/RDA 12) hinsichtlich ihres tatsächlichen Schmelz- und Dentinabriebs. Die Zahnpaste mit dem höchsten REA-Wert verursachte den höchsten Schmelzabrieb, obwohl ihr RDA-Wert am niedrigsten war. Die Autor:innen folgern, dass REA und RDA-Werte beide deklariert werden sollten, da ein niedriger RDA-Wert keine Rückschlüsse auf die Schmelzverträglichkeit einer Zahnpasta zulässt. Nach ISO 11609 (in Deutschland als DIN EN ISO 11609 übernommen) gilt die RDA-Bestimmung als standardisiertes, ADA-anerkanntes Verfahren; ein einheitlicher, ebenso verbindlicher Standard für REA existiert bislang nicht in gleichem Maße.

Was die Daten derzeit nicht zeigen

  • Die zitierten Studien basieren überwiegend auf bovinen Zahnproben und In-vitro-Modellen: Die Übertragbarkeit auf klinische Langzeitverläufe am Menschen ist nicht abschließend geklärt
  • Kein einheitlicher, international verbindlicher Grenzwert für REA, vergleichbar der RDA-Normierung nach ISO 11609
  • Kein etabliertes deutsches S-Leitliniendokument speziell zur Abrasion, vergleichbar AWMF 083-021 für Kariesprävention

Evidenzlage

Hamza, Tanner, Körner, Attin, Wegehaupt (2021): Effect of toothbrush bristle stiffness and toothbrushing force on the abrasive dentine wear. International Journal of Dental Hygiene, 19(4), 355–359. In-vitro-Studie zur Interaktion von Borstensteifigkeit und Putzdruck; Grundlage für die Erkenntnis, dass Druck den entscheidenderen Faktor darstellen kann.

Dobler, Hamza, Attin, Wegehaupt (2023): Abrasive Enamel and Dentin Wear Resulting from Brushing with Toothpastes with Highly Discrepant Relative Enamel Abrasivity (REA) and Relative Dentin Abrasivity (RDA) Values. Oral Health & Preventive Dentistry. In-vitro-Studie; zeigt die fehlende Korrelation zwischen REA- und RDA-Werten anhand vier kommerzieller Zahnpasten.

Hinweis: Die Inhalte des KEERN Lexikons vermitteln wissenschaftlich fundiertes Wissen zur Mundgesundheit. Sie können das Gespräch mit Ihrer Zahnärztin, Ihrem Zahnarzt, Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke unterstützen, ersetzen jedoch keine individuelle Diagnose oder Therapie.