Zahnhartsubstanz

Zahnerosion

Evidenz: Hoch Zahnhartsubstanz Lesezeit: ca. 5 Min. Fachlich geprüft: 10.08.2026 · KEERN Redaktion

Zahnerosion ist der chemisch bedingte Verlust von Zahnhartsubstanz durch Säureeinwirkung ohne bakterielle Beteiligung: der zentrale Unterschied zur Karies. Auslöser sind häufige Säurekontakte durch Ernährung oder Magensäure. Klinisch erfasst wird das Ausmaß mit dem international etablierten BEWE-Index. Der einmal eingetretene Substanzverlust ist nicht reversibel, das Fortschreiten lässt sich jedoch durch gezielte Maßnahmen verlangsamen.

Definition

Zahnerosion bezeichnet den Verlust von Zahnhartsubstanz durch direkte Säureeinwirkung, ohne dass Bakterien daran beteiligt sind. Das unterscheidet sie grundlegend von Karies, wo Säuren erst durch bakteriellen Zuckerabbau im Biofilm entstehen. Bei Erosion wirkt die Säure direkt auf den Zahnschmelz, unabhängig davon, ob Bakterien vorhanden sind.

Erosion ist zudem nur eine von mehreren Formen des nicht-kariösen Zahnhartsubstanzverlusts. Mechanische Abnutzung durch äußere Reibung wird als Abrasion bezeichnet, Abnutzung durch Zahnkontakt beim Kauen oder Knirschen als Attrition. Diese Formen können gemeinsam auftreten und sich gegenseitig verschärfen.

Kurz gesagt

Säuren aus der Nahrung oder aus dem Magen lösen Mineralien aus dem Zahnschmelz, ohne dass dafür Bakterien nötig wären. Häufigkeit und Dauer des Säurekontakts sind wichtige Einflussfaktoren für das Erosionsrisiko, neben dem erosiven Potenzial der Säure selbst und individuellen Schutzfaktoren wie dem Speichel. Wer Säuren über den Tag verteilt in kleinen Mengen zu sich nimmt (etwa durch ständiges Nippen an einem Softdrink), belastet den Zahnschmelz womöglich stärker als jemand, der dieselbe Menge auf einmal trinkt, da die Kontaktdauer zum erosiven Potenzial der Säure hinzukommt, es aber nicht als alleiniger entscheidender Faktor ersetzt.

Woher die Säuren kommen

  • Ernährungsbedingt: Softdrinks, Fruchtsäfte, Wein, bestimmte Obstsorten (z. B. Zitrusfrüchte) sowie manche Fertigprodukte
  • Magensäurebedingt: häufiges Erbrechen, Reflux (Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre und den Mund)
  • Begleitfaktoren: geringer Speichelfluss (siehe Mundtrockenheit) verstärkt das Risiko, da weniger Säure abgepuffert und neutralisiert wird

Ein häufiger Irrtum

Lange galt die Empfehlung, nach säurehaltigen Speisen oder Getränken mindestens 30 Minuten mit dem Zähneputzen zu warten, da der erweichte Zahnschmelz sonst durch die Putzbewegung zusätzlich abgetragen werde. Diese pauschale Regel wird durch neuere Forschung differenzierter bewertet: In den ausgewerteten Studien eines aktuellen Scoping-Reviews aus dem Jahr 2024 zeigte sich bei Verwendung fluoridhaltiger Zahnpasta kein konsistenter Hinweis auf einen zusätzlichen erosiven Zahnhartsubstanzverlust durch sofortiges Putzen. Ein Teil der älteren Warnung stützte sich zudem auf Tierzahn-Modelle, die sich anders verhalten als menschlicher Zahnschmelz. Die Autor:innen betonen dennoch, dass die individuelle fachliche Einschätzung (je nach persönlichem Risiko) weiterhin wichtig bleibt.

Was hilft

  • Häufigkeit von Säurekontakten reduzieren, neben Art und Kontaktdauer der jeweiligen Säure
  • Säurehaltige Getränke nicht über längere Zeit nippen, eher zu den Mahlzeiten trinken
  • Nach Säurekontakt mit Wasser ausspülen
  • Zuckerfreier Kaugummi kann den Speichelfluss anregen und so die natürliche Pufferung unterstützen
  • Fluoridhaltige Zahnpasta kann im Rahmen der täglichen Prävention zum Schutz der Zahnhartsubstanz beitragen
  • Bei häufigem Reflux oder Erbrechen: zahnärztliche und ärztliche Abklärung der zugrunde liegenden Ursache

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Zahnerosion entsteht durch direkte Säureeinwirkung, ohne bakterielle Beteiligung: anders als Karies
  • Häufigkeit und Verweildauer der Säurekontakte sind wichtige Risikofaktoren, neben dem erosiven Potenzial der Säure selbst und individuellen Faktoren wie dem Speichel
  • Die pauschale Regel „30 Minuten warten vor dem Putzen“ wird durch neuere Forschung differenzierter bewertet
  • Einmal eingetretener Substanzverlust ist nicht reversibel, lässt sich aber verlangsamen
  • Reduzierte Säurekontakthäufigkeit und ausreichender Speichelfluss sind wichtige Schutzfaktoren

Häufige Fragen

Ist Zahnerosion dasselbe wie Karies?

Nein. Karies entsteht durch Säuren, die Bakterien im Biofilm aus Zucker produzieren. Zahnerosion entsteht durch direkten Säurekontakt, unabhängig von Bakterien, etwa durch saure Getränke oder Magensäure.

Muss ich nach dem Trinken von Saft wirklich warten, bevor ich die Zähne putze?

Diese lange verbreitete Regel wird heute differenzierter bewertet. In Studien mit fluoridhaltiger Zahnpasta zeigte sich kein konsistenter Hinweis auf ein zusätzliches Risiko durch sofortiges Putzen. Bei Unsicherheit hilft eine individuelle Einschätzung durch die zahnärztliche Praxis.

Ist Zahnerosion reversibel?

Nein, bereits verlorene Zahnhartsubstanz wächst nicht nach. Das Fortschreiten lässt sich jedoch durch reduzierte Säurekontakte und unterstützende Maßnahmen deutlich verlangsamen.

Wie erkennt die Zahnarztpraxis Zahnerosion?

Ein gängiges Hilfsmittel ist der BEWE-Index (Basic Erosive Wear Examination), der den Schweregrad an mehreren Zahnflächen standardisiert erfasst und so Verlaufskontrollen ermöglicht.

Kann Reflux Zahnerosion verursachen, auch ohne Sodbrennen?

Reflux kann auch ohne typisches Sodbrennen auftreten und zur Zahnerosion beitragen. Bei ungeklärtem oder ausgeprägtem erosivem Zahnhartsubstanzverlust ist daher eine zahnärztliche und, wenn klinisch angezeigt, ärztliche Abklärung sinnvoll.

KEERN Perspektive

Zahnerosion zeigt, dass Mundgesundheit nicht nur eine Frage der Mundhygiene ist, sondern auch der Ernährungsgewohnheiten. Häufigkeit, Art und Dauer des Säurekontakts prägen das Risiko maßgeblich, oft ebenso stark wie die Putztechnik selbst.

Eine fundierte Einschätzung des individuellen Risikos, einschließlich möglicher medizinischer Ursachen wie Reflux, gehört in zahnärztliche und gegebenenfalls ärztliche Hand.

Fachliche Einordnung

Klinische Relevanz

  • Differenzialdiagnose gegenüber Karies, Abrasion und Attrition
  • Ernährungsanamnese zur Identifikation von Säurequellen und Konsummustern
  • Abklärung möglicher gastraler Ursachen (Reflux, rezidivierendes Erbrechen)
  • Standardisierte Verlaufsdokumentation zur frühzeitigen Progressionserkennung

Klassifikation: BEWE

Der Basic Erosive Wear Examination Index (BEWE, Bartlett et al., 2008) ist ein international etabliertes Screening-Instrument, neben weiteren Indizes zur Erfassung von Zahnhartsubstanzverlust. Die Mundhöhle wird in sechs Sextanten unterteilt; pro Sextant wird die am stärksten betroffene Fläche nach einem vierstufigen Score (0–3) bewertet. Die Summe der Sextanten-Höchstwerte ergibt einen Gesamtscore, der Risikoklassen und daraus abgeleitete Maßnahmen zuordnet. Der BEWE dient der standardisierten Verlaufskontrolle, ersetzt jedoch nicht die klinische Gesamtbeurteilung. Der Index wurde bewusst einfach gehalten, um im Praxisalltag ähnlich schnell wie der Parodontale Screening-Index erhoben werden zu können.

Eine 2026 veröffentlichte Aktualisierung (Bartlett, O'Toole, Chen et al.) führt BEWE 2.0 ein: eine zusätzliche Stufe für besonders ausgeprägten erosiven Substanzverlust sowie eine präzisere Abgrenzung zwischen den Scores 0 und 1. Weitere Indizes zur Erfassung von Zahnhartsubstanzverlust, etwa das Tooth Wear Evaluation System (TWES 2.0), werden ebenfalls verwendet, insbesondere wenn oberflächenspezifischere Detailtiefe erforderlich ist; die Wahl des Index richtet sich nach dem jeweiligen klinischen oder wissenschaftlichen Zweck.

Mechanismus

Das erosive Potenzial einer Säureexposition hängt neben dem pH-Wert unter anderem von der Titrationsazidität, der Mineralzusammensetzung und dem Sättigungsgrad gegenüber der Zahnhartsubstanz ab. Auch die Fähigkeit bestimmter Säuren, Kalzium zu binden, kann eine Rolle spielen. Ein niedriger pH-Wert allein erlaubt daher keine zuverlässige Vorhersage des erosiven Potenzials; zwei Getränke mit ähnlichem pH-Wert können sich in ihrer erosiven Wirkung deutlich unterscheiden.

Aktuelle Forschung: Zeitpunkt des Putzens

Ein Scoping-Review von Fernández et al. (2024) wertete 17 Studien (1991–2022) zum Zeitpunkt des Zähneputzens im Verhältnis zu Säureattacken aus. Die Mehrheit der Studien (10 von 17) fand keinen erhöhten erosiven Substanzverlust durch sofortiges Putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta, unabhängig vom Zeitpunkt. Nur wenige Studien unterstützten ein Verzögern des Putzens um bis zu einer Stunde. Zusätzlich zeigte eine begleitende systematische Übersichtsarbeit unterschiedliche Ergebnisse zwischen Rinder- und menschlichem Zahnschmelz: Verzögertes Putzen reduzierte den Substanzverlust bei Rinderschmelz, nicht jedoch bei menschlichem Schmelz. Ein Teil der älteren Evidenzbasis, auf der die klassische 30-Minuten-Regel beruht, stützt sich auf solche Tiermodelle. Die Ergebnisse legen nahe, dass die pauschale Regel überdacht werden könnte, zugunsten individualisierter, risikobasierter Empfehlungen; ein entsprechender internationaler Konsens steht bislang jedoch noch aus.

Was die Daten derzeit nicht zeigen

  • Keine robusten klinischen Studien (RCTs) zum optimalen Putzzeitpunkt bei Erosionsrisiko: die verfügbare Evidenz basiert überwiegend auf In-situ- und In-vitro-Modellen
  • Keine einheitliche internationale Leitlinienempfehlung zum Putzzeitpunkt nach Säurekontakt: bestehende Empfehlungen sind uneinheitlich
  • Kein etabliertes deutsches S-Leitliniendokument speziell zur Zahnerosion, im Unterschied zur Kariesprävention (AWMF 083-021)

Evidenzlage

Bartlett, Ganss, Lussi (2008): Basic Erosive Wear Examination (BEWE): a new scoring system for scientific and clinical needs. Clinical Oral Investigations, 12(Suppl 1), S65–S68. Etabliert den ursprünglichen, breit genutzten internationalen Screening-Index für erosiven Zahnhartsubstanzverlust.

Bartlett, O'Toole, Chen et al. (2026): BEWE 2.0: Basic erosive tooth wear examination revisited: Introducing an additional level for more severe erosive tooth wear. Journal of Dentistry, 166, 106514. Führt eine zusätzliche Schweregradstufe ein und präzisiert die Abgrenzung zwischen den Scores 0 und 1.

Fernández, Silva-Acevedo, Padilla-Orellana, Zero, Carvalho, Lussi (2024): Should We Wait to Brush Our Teeth? A Scoping Review Regarding Dental Caries and Erosive Tooth Wear. Caries Research, 58(4), 454–467. Scoping Review über 17 Studien; stellt die traditionelle Empfehlung eines verzögerten Putzzeitpunkts infrage und regt individualisierte, risikobasierte Leitlinien an.

Hinweis: Die Inhalte des KEERN Lexikons vermitteln wissenschaftlich fundiertes Wissen zur Mundgesundheit. Sie können das Gespräch mit Ihrer Zahnärztin, Ihrem Zahnarzt, Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke unterstützen, ersetzen jedoch keine individuelle Diagnose oder Therapie.