Fachliche Einordnung
Klinische Relevanz
- Differenzialdiagnose gegenüber Karies, Abrasion und Attrition
- Ernährungsanamnese zur Identifikation von Säurequellen und Konsummustern
- Abklärung möglicher gastraler Ursachen (Reflux, rezidivierendes Erbrechen)
- Standardisierte Verlaufsdokumentation zur frühzeitigen Progressionserkennung
Klassifikation: BEWE
Der Basic Erosive Wear Examination Index (BEWE, Bartlett et al., 2008) ist ein international etabliertes Screening-Instrument, neben weiteren Indizes zur Erfassung von Zahnhartsubstanzverlust. Die Mundhöhle wird in sechs Sextanten unterteilt; pro Sextant wird die am stärksten betroffene Fläche nach einem vierstufigen Score (0–3) bewertet. Die Summe der Sextanten-Höchstwerte ergibt einen Gesamtscore, der Risikoklassen und daraus abgeleitete Maßnahmen zuordnet. Der BEWE dient der standardisierten Verlaufskontrolle, ersetzt jedoch nicht die klinische Gesamtbeurteilung. Der Index wurde bewusst einfach gehalten, um im Praxisalltag ähnlich schnell wie der Parodontale Screening-Index erhoben werden zu können.
Eine 2026 veröffentlichte Aktualisierung (Bartlett, O'Toole, Chen et al.) führt BEWE 2.0 ein: eine zusätzliche Stufe für besonders ausgeprägten erosiven Substanzverlust sowie eine präzisere Abgrenzung zwischen den Scores 0 und 1. Weitere Indizes zur Erfassung von Zahnhartsubstanzverlust, etwa das Tooth Wear Evaluation System (TWES 2.0), werden ebenfalls verwendet, insbesondere wenn oberflächenspezifischere Detailtiefe erforderlich ist; die Wahl des Index richtet sich nach dem jeweiligen klinischen oder wissenschaftlichen Zweck.
Mechanismus
Das erosive Potenzial einer Säureexposition hängt neben dem pH-Wert unter anderem von der Titrationsazidität, der Mineralzusammensetzung und dem Sättigungsgrad gegenüber der Zahnhartsubstanz ab. Auch die Fähigkeit bestimmter Säuren, Kalzium zu binden, kann eine Rolle spielen. Ein niedriger pH-Wert allein erlaubt daher keine zuverlässige Vorhersage des erosiven Potenzials; zwei Getränke mit ähnlichem pH-Wert können sich in ihrer erosiven Wirkung deutlich unterscheiden.
Aktuelle Forschung: Zeitpunkt des Putzens
Ein Scoping-Review von Fernández et al. (2024) wertete 17 Studien (1991–2022) zum Zeitpunkt des Zähneputzens im Verhältnis zu Säureattacken aus. Die Mehrheit der Studien (10 von 17) fand keinen erhöhten erosiven Substanzverlust durch sofortiges Putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta, unabhängig vom Zeitpunkt. Nur wenige Studien unterstützten ein Verzögern des Putzens um bis zu einer Stunde. Zusätzlich zeigte eine begleitende systematische Übersichtsarbeit unterschiedliche Ergebnisse zwischen Rinder- und menschlichem Zahnschmelz: Verzögertes Putzen reduzierte den Substanzverlust bei Rinderschmelz, nicht jedoch bei menschlichem Schmelz. Ein Teil der älteren Evidenzbasis, auf der die klassische 30-Minuten-Regel beruht, stützt sich auf solche Tiermodelle. Die Ergebnisse legen nahe, dass die pauschale Regel überdacht werden könnte, zugunsten individualisierter, risikobasierter Empfehlungen; ein entsprechender internationaler Konsens steht bislang jedoch noch aus.
Was die Daten derzeit nicht zeigen
- Keine robusten klinischen Studien (RCTs) zum optimalen Putzzeitpunkt bei Erosionsrisiko: die verfügbare Evidenz basiert überwiegend auf In-situ- und In-vitro-Modellen
- Keine einheitliche internationale Leitlinienempfehlung zum Putzzeitpunkt nach Säurekontakt: bestehende Empfehlungen sind uneinheitlich
- Kein etabliertes deutsches S-Leitliniendokument speziell zur Zahnerosion, im Unterschied zur Kariesprävention (AWMF 083-021)
Evidenzlage
Bartlett, Ganss, Lussi (2008): Basic Erosive Wear Examination (BEWE): a new scoring system for scientific and clinical needs. Clinical Oral Investigations, 12(Suppl 1), S65–S68. Etabliert den ursprünglichen, breit genutzten internationalen Screening-Index für erosiven Zahnhartsubstanzverlust.
Bartlett, O'Toole, Chen et al. (2026): BEWE 2.0: Basic erosive tooth wear examination revisited: Introducing an additional level for more severe erosive tooth wear. Journal of Dentistry, 166, 106514. Führt eine zusätzliche Schweregradstufe ein und präzisiert die Abgrenzung zwischen den Scores 0 und 1.
Fernández, Silva-Acevedo, Padilla-Orellana, Zero, Carvalho, Lussi (2024): Should We Wait to Brush Our Teeth? A Scoping Review Regarding Dental Caries and Erosive Tooth Wear. Caries Research, 58(4), 454–467. Scoping Review über 17 Studien; stellt die traditionelle Empfehlung eines verzögerten Putzzeitpunkts infrage und regt individualisierte, risikobasierte Leitlinien an.