Zahnhartsubstanz

Attrition

Evidenz: Hoch Zahnhartsubstanz Lesezeit: ca. 5 Min. Fachlich geprüft: 06.08.2026 · KEERN Redaktion

Attrition ist der Verlust von Zahnhartsubstanz durch Zahn-zu-Zahn-Kontakt: im Unterschied zu Erosion (chemisch) und Abrasion (äußere Reibung). Ein gewisses Maß an Attrition ist physiologisch und nimmt mit dem Alter zu; deutlich beschleunigt wird sie durch Bruxismus. Erfasst wird das Ausmaß u. a. mit dem Tooth Wear Index nach Smith und Knight (1984).

Definition

Attrition bezeichnet den Verlust von Zahnhartsubstanz durch direkten Zahn-zu-Zahn-Kontakt: also durch das Aufeinandertreffen der Kau- und Schneideflächen beim Kauen, Schlucken oder Knirschen. Das unterscheidet Attrition von Erosion (chemischer Säureangriff) und von Abrasion (Reibung durch äußere Gegenstände, etwa beim Zähneputzen).

In der klinischen Praxis tritt Attrition nur selten isoliert auf. Häufig wirken Attrition, Erosion und Abrasion gemeinsam und prägen das individuelle Verschleißmuster.

Ein gewisses Maß an Attrition ist normal und nimmt im Laufe des Lebens allein durch tägliches Kauen zu. Dieser physiologische Verschleiß verläuft meist über Jahrzehnte. Deutlich beschleunigt wird er durch Bruxismus, also wiederholtes Knirschen oder Pressen der Zähne.

Kurz gesagt

Nicht jede sichtbare Abnutzung ist ein Warnzeichen. Leichte Attrition gehört zum normalen Alterungsprozess der Zähne. Problematisch wird sie erst, wenn sie ungewöhnlich schnell fortschreitet, Schmerzempfindlichkeit verursacht oder die Bisshöhe spürbar verändert.

Ein häufiger Irrtum

Sichtbare Abnutzungsspuren an den Zähnen werden häufig automatisch als Krankheitszeichen gedeutet. Tatsächlich ist ein langsames, gleichmäßiges Fortschreiten mit dem Alter ein normaler, physiologischer Prozess: vergleichbar mit anderen alltäglichen Abnutzungserscheinungen des Körpers. Entscheidend ist nicht das bloße Vorhandensein von Attrition, sondern Tempo und Ausmaß im Verhältnis zum Alter.

Ursachen

  • Normale Kaufunktion: ein kontinuierlicher, lebenslanger Prozess in geringem Ausmaß
  • Bruxismus: die mit Abstand häufigste Ursache für beschleunigte, unphysiologische Attrition
  • Fehlende oder unausgeglichene Abstützung des Gebisses, etwa bei fehlenden Seitenzähnen

Mögliche Folgen bei ausgeprägter Attrition

  • Erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Kalt- und Wärmereizen bei freiliegendem Dentin
  • Veränderung der Bisshöhe in ausgeprägten Fällen
  • Ästhetische Veränderungen, etwa verkürzte oder abgeflachte Schneidekanten

Was hilft

  • Zahnärztliche Verlaufskontrolle, insbesondere bei ungewöhnlich schnellem Fortschreiten
  • Abklärung und gegebenenfalls Versorgung von Bruxismus als häufigster beschleunigender Ursache
  • Bei bereits freiliegendem Dentin: zahnärztliche Einschätzung zu Schutz- oder Versorgungsmöglichkeiten

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Attrition entsteht durch Zahn-zu-Zahn-Kontakt: anders als Erosion (chemisch) oder Abrasion (äußere Reibung), auch wenn alle drei häufig gemeinsam auftreten
  • Ein gewisses Maß ist normaler Teil des Alterns, keine automatische Krankheit, und verläuft meist über Jahrzehnte
  • Bruxismus ist die häufigste Ursache für beschleunigte, unphysiologische Attrition
  • Entscheidend sind Tempo und Ausmaß der Abnutzung, nicht ihr bloßes Vorhandensein
  • Bei schnellem Fortschreiten oder Beschwerden lohnt sich eine zahnärztliche Einschätzung

Weiterführende Themen

Für das Verständnis dieses Themas ist auch Zahnschmelz relevant: die betroffene Gewebeschicht, deren Widerstandsfähigkeit die Geschwindigkeit der Attrition mitbestimmt.

Häufige Fragen

Ist Attrition immer ein Problem?

Nein. Ein gewisses Maß an Attrition ist normaler Teil des Alterns. Problematisch wird sie erst bei ungewöhnlich schnellem Fortschreiten oder erkennbaren Beschwerden.

Was ist der Unterschied zwischen Attrition, Abrasion und Erosion?

Attrition entsteht durch Zahn-zu-Zahn-Kontakt, Abrasion durch äußere Reibung (z. B. Zähneputzen) und Erosion durch chemischen Säureangriff ohne Reibung. Alle drei können gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken.

Verursacht Bruxismus immer starke Attrition?

Nicht zwangsläufig in gleichem Ausmaß bei allen Betroffenen, aber Bruxismus gilt als die häufigste Ursache für beschleunigte, unphysiologische Attrition.

Kann verlorene Zahnhartsubstanz nachwachsen?

Nein, verlorene Zahnhartsubstanz wächst nicht nach: weder Zahnschmelz noch Dentin. Frühzeitiges Erkennen der Ursache kann jedoch weiteres Fortschreiten verlangsamen.

Wie wird das Ausmaß der Attrition eingeschätzt?

In der Zahnmedizin werden standardisierte Indizes wie der Tooth Wear Index nach Smith und Knight (1984) verwendet, die verschiedene Zahnflächen systematisch bewerten.

KEERN Perspektive

Attrition zeigt exemplarisch, dass nicht jede Veränderung am Zahn gleich ein Problem ist. Mundgesundheit bedeutet auch, normale Alterungsprozesse von tatsächlich behandlungsbedürftigen Entwicklungen unterscheiden zu können.

Diese Einordnung (physiologisch oder behandlungsbedürftig) gehört in zahnärztliche Hand.

Fachliche Einordnung

Klinische Relevanz

  • Abgrenzung physiologischer von unphysiologisch beschleunigter Attrition
  • Differenzialdiagnose gegenüber Erosion und Abrasion, häufig als Mischbild
  • Bruxismus-Screening bei auffällig schneller oder untypischer Abnutzung
  • Beurteilung der Bisshöhe bei ausgeprägten Fällen

Klassifikation: Tooth Wear Index

Der Tooth Wear Index (TWI) nach Smith und Knight (1984) ist der am häufigsten verwendete Index zur Erfassung von Zahnhartsubstanzverlust unabhängig von der Ursache: Er erfasst also Attrition, Erosion und Abrasion gemeinsam, ohne ursächlich zu differenzieren. Bewertet werden vier Flächen pro Zahn (bukkal/labial, zervikal, lingual/palatinal, inzisal/okklusal) auf einer fünfstufigen Skala. Damit unterscheidet er sich vom BEWE-Index, der spezifisch für erosiven Substanzverlust entwickelt wurde. Auf die vollständige Wiedergabe der Bewertungskriterien wird hier verzichtet; für die klinische Anwendung wird auf die Originalpublikation verwiesen.

Das 2017 veröffentlichte europäische Konsensuspapier zur Behandlung von schwerem Zahnhartsubstanzverlust empfiehlt je nach klinischem Zweck den TWI, den BEWE-Index oder das neuere Tooth Wear Evaluation System (TWES 2.0). TWES 2.0, eingeführt 2020, trennt die Quantifizierung des Schweregrads von der Identifikation der wahrscheinlichen Ursache. Es wird zunehmend in Forschung und spezialisierten Settings eingesetzt; in der allgemeinen Praxis bleibt der ursprüngliche TWI weiterhin gebräuchlich.

Physiologisch versus pathologisch

Attrition nimmt mit dem Lebensalter kontinuierlich zu und gilt in gewissem Ausmaß als physiologisch. Klinisch entscheidend ist die Diskrepanz zwischen beobachtetem Ausmaß und dem, was für das jeweilige Lebensalter zu erwarten wäre: Eine im Verhältnis zum Alter untypisch ausgeprägte Attrition spricht für eine zugrunde liegende Ursache, allen voran Bruxismus.

Bruxismus selbst wird international als wiederholte Kieferaktivität mit Zähneknirschen, Zähnepressen oder Anspannen beziehungsweise Vorschieben des Unterkiefers definiert, die im Schlaf oder im Wachzustand auftreten kann. Die Unterscheidung zwischen Schlaf- und Wachbruxismus kann für Screening und Management relevant sein, da sich beide Formen in Erscheinungsbild und diagnostischem Vorgehen unterscheiden.

Was die Daten derzeit nicht zeigen

  • Kein einheitlicher, allgemeingültiger Schwellenwert, ab dem altersbedingte Attrition als pathologisch einzustufen ist
  • Keine spezifisch auf Attrition zugeschnittene, ebenso breit validierte Klassifikation wie BEWE für Erosion
  • Kein etabliertes deutsches S-Leitliniendokument speziell zu Attrition

Evidenzlage

Smith, Knight (1984): An index for measuring the wear of teeth. British Dental Journal, 156(12), 435-438. Etabliert den bis heute meistzitierten allgemeinen Tooth Wear Index; Grundlage zahlreicher nachfolgender Studien zu Zahnhartsubstanzverlust unabhängig von der Ursache.

Loomans et al. (2017): Severe Tooth Wear: European Consensus Statement on Management Guidelines. Journal of Adhesive Dentistry, 19(2), 111-119. Europäisches Konsensuspapier; empfiehlt TWI, BEWE und TWES als Bewertungsoptionen je nach klinischem Zweck.

Wetselaar et al. (2020): Diagnosing tooth wear, a new taxonomy based on the revised version of the Tooth Wear Evaluation System (TWES 2.0). Journal of Oral Rehabilitation, 47(6), 703-712. Führt TWES 2.0 ein; trennt Quantifizierung des Schweregrads von der Identifikation der Ursache.

Lobbezoo et al. (2018): International consensus on the assessment of bruxism: Report of a work in progress. Journal of Oral Rehabilitation, 45(11), 837-844. Internationales Konsensuspapier zur Definition von Bruxismus, mit Unterscheidung von Schlaf- und Wachbruxismus.

Hinweis: Die Inhalte des KEERN Lexikons vermitteln wissenschaftlich fundiertes Wissen zur Mundgesundheit. Sie können das Gespräch mit Ihrer Zahnärztin, Ihrem Zahnarzt, Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke unterstützen, ersetzen jedoch keine individuelle Diagnose oder Therapie.