Fachliche Einordnung
Klinische Relevanz
- Diagnostik nach aktuellen Fallkriterien, einschließlich Staging und Grading
- Risikofaktor- und Systemerkrankungs-Screening (Rauchen, Diabetes)
- Stufenweise Therapieplanung nach EFP S3-Leitlinien (Stadium I–III und Stadium IV)
- Langfristige unterstützende Parodontitistherapie (Recall-Intervalle nach individuellem Risiko)
Diagnostik und Falldefinition
Nach der Klassifikation des 2017 World Workshop (EFP/AAP) liegt ein Parodontitisfall vor, wenn interdentaler klinischer Attachmentverlust an mindestens zwei nicht benachbarten Zähnen nachweisbar ist, oder wenn bukkaler beziehungsweise oraler Attachmentverlust von mindestens 3 mm mit Sondierungstiefen über 3 mm an mindestens zwei Zähnen besteht. Nicht parodontitisbedingte Ursachen des Attachmentverlusts (z. B. zervikale Restaurationen oder Karies, Wurzelfrakturen) müssen zuvor ausgeschlossen werden.
Staging und Grading
Das Staging (Stadium I–IV) beschreibt Schweregrad und Komplexität anhand von Attachmentverlust, radiographischem Knochenabbau, Zahnverlust durch Parodontitis sowie zusätzlicher Komplexitätsfaktoren. Das Grading (Grad A–C) schätzt die Progressionsgeschwindigkeit anhand direkter oder indirekter Evidenz ein; Rauchen und die glykämische Einstellung bei Diabetes dienen dabei als wichtige Grad-Modifikatoren. Ein 2019 publiziertes Corrigendum korrigierte einzelne Werte in den Anhangstabellen zur praktischen Anwendung von Staging und Grading; die grundlegenden Fallkriterien sind davon nicht betroffen. Auf die vollständige Wiedergabe der Stadien- und Grad-Tabellen wird hier verzichtet; für die klinische Anwendung wird auf die Originalpublikation samt Corrigendum verwiesen.
Risikofaktoren und systemische Zusammenhänge
Rauchen und Diabetes gelten als die am besten belegten modifizierenden Risikofaktoren für Entstehung und Progression der Parodontitis und fließen explizit in das Grading ein. Die Beziehung zu Diabetes ist bidirektional dokumentiert: Diabetes ist mit einem erhöhten Risiko und einem ungünstigeren Verlauf der Parodontitis assoziiert, während eine unbehandelte beziehungsweise instabile Parodontitis mit einer schlechteren glykämischen Kontrolle verbunden ist. Eine erfolgreiche parodontale Therapie kann die Blutzuckereinstellung in begrenztem Ausmaß verbessern. Assoziationen zwischen Parodontitis und weiteren systemischen Erkrankungen (u. a. kardiovaskuläre Erkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen) werden in der Literatur diskutiert; ein kausaler Zusammenhang ist damit nicht automatisch belegt.
Therapieprinzipien
Die EFP S3-Leitlinie für Stadium I–III beschreibt einen stufenweisen Therapieansatz: (1) Verhaltensänderung, Kontrolle von supragingivalem Biofilm, gingivaler Entzündung und Risikofaktoren; (2) supra- und subgingivale Instrumentierung, mit oder ohne adjuvante Maßnahmen; (3) bei Bedarf verschiedene parodontalchirurgische Verfahren, einschließlich regenerativer Verfahren in ausgewählten Defektsituationen; (4) unterstützende Parodontitistherapie zur langfristigen Sicherung des Behandlungserfolgs. Für Stadium IV (gekennzeichnet durch zusätzliche funktionelle und anatomische Folgeschäden wie Zahnwanderung oder Bisskollaps) liegt seit 2022 eine ergänzende, interdisziplinär ausgerichtete EFP S3-Leitlinie vor. Die Wahl der Interventionen richtet sich nach Stadium und individueller Situation.
Leitlinien
Die S3-Leitlinie ‘Die Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III’ (AWMF 083-043, DG PARO / DGZMK, deutsche Implementierung der EFP-Leitlinie) wurde im Dezember 2020 veröffentlicht. Die ausgewiesene Gültigkeit endete am 30.11.2025; die Leitlinie ist im AWMF-Register aktuell als archiviert geführt, eine Überarbeitung befindet sich in Bearbeitung. Für Stadium IV liegt seit 2022 eine eigene EFP-S3-Leitlinie vor (Herrera et al.); eine deutsche Implementierung ist unter AWMF 083-056 angemeldet. Ergänzend behandelt die S2k-Leitlinie ‘Diabetes und Parodontitis’ (AWMF 083-015, DG PARO / DDG / DGZMK, Stand 2024) die bidirektionale Beziehung beider Erkrankungen im Detail.
Evidenzlage
Papapanou, Sanz, Buduneli et al. (2018): Periodontitis: Consensus report of workgroup 2 of the 2017 World Workshop. Journal of Clinical Periodontology, 45(Suppl 20), S162–S170. Etabliert die aktuell gültige Falldefinition der Parodontitis.
Tonetti, Greenwell, Kornman (2018): Staging and grading of periodontitis: Framework and proposal of a new classification and case definition. Journal of Clinical Periodontology, 45(Suppl 20), S149–S161. Konsensbericht; etabliert das Staging- und Grading-System. Corrigendum 2019 zu einzelnen Anhangstabellen.
Sanz, Herrera, Kebschull et al. (2020): Treatment of stage I–III periodontitis: The EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology, 47(Suppl 22), 4–60. Evidenzbasierte Therapieleitlinie, entwickelt auf Basis von 15 systematischen Übersichtsarbeiten nach GRADE-Methodik.
Herrera, Sanz, Kebschull et al. (2022): Treatment of stage IV periodontitis: The EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology, 49(Suppl 24), 4–71. Ergänzende Therapieleitlinie für Stadium IV mit interdisziplinärem Fokus.