Erkrankung

Parodontitis

Evidenz: Hoch Erkrankung Lesezeit: ca. 5 Min. Fachlich geprüft: 17.07.2026 · KEERN Redaktion

Parodontitis ist eine chronische, multifaktorielle Entzündungserkrankung des Zahnhalteapparats, die mit klinischem Attachmentverlust und fortschreitender Zerstörung des parodontalen Stützgewebes einschließlich des Alveolarknochens einhergeht. Ein Fall gilt nach aktueller Klassifikation als Parodontitis, wenn interdentaler Attachmentverlust an mindestens zwei nicht benachbarten Zähnen vorliegt, oder bukkaler beziehungsweise oraler Attachmentverlust von mindestens 3 mm mit Sondierungstiefen über 3 mm an mindestens zwei Zähnen. Der Verlust ist nicht allgemein vollständig rückgängig zu machen.

Definition

Parodontitis ist eine chronische, multifaktorielle Entzündungserkrankung des Zahnhalteapparats. Anders als bei Gingivitis bleibt die Entzündung hier nicht auf das Zahnfleisch begrenzt. Sie erfasst auch Wurzelhaut und, im weiteren Verlauf, den Kieferknochen. Der dadurch entstandene Gewebeverlust lässt sich nicht allgemein vollständig rückgängig machen.

Parodontitis entwickelt sich im Zusammenhang mit dysbiotischen dentalen Biofilmen und einer fehlregulierten entzündlichen Reaktion des Wirtsgewebes. Ob und wie schnell parodontales Gewebe zerstört wird, wird zusätzlich durch individuelle Risiko- und Schutzfaktoren beeinflusst.

Kurz gesagt

Parodontitis ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die oft lange schmerzfrei und unbemerkt verläuft. Im Unterschied zu Gingivitis lässt sich der einmal eingetretene Gewebeverlust nicht allgemein vollständig rückgängig machen. Durch fachgerechte Therapie und konsequente unterstützende Parodontitistherapie kann die Erkrankung jedoch häufig stabilisiert und das Risiko weiterer Progression deutlich reduziert werden.

Der Unterschied zu Gingivitis

Beide Erkrankungen gehören zum Spektrum parodontaler Erkrankungen, sind aber unterschiedliche Diagnosen. Gingivitis betrifft ausschließlich das Zahnfleisch. Parodontitis wird diagnostiziert, wenn ein charakteristischer klinischer Attachmentverlust an mehreren Zähnen nachweisbar ist und andere Ursachen für diesen Gewebeverlust ausgeschlossen wurden.

Wichtig für die Einordnung: Auch nach erfolgreicher Parodontitis-Therapie bleibt die Diagnose Parodontitis bestehen: als stabiler oder in Remission befindlicher Fall. Eine erneute Zahnfleischentzündung bei diesen Patient:innen wird deshalb anders eingeordnet als eine Gingivitis ohne Parodontitis-Vorgeschichte.

Stadien und Schweregrade

Parodontitis wird nach aktueller fachlicher Klassifikation in vier Stadien (I bis IV) eingeteilt, die den Schweregrad und die Komplexität der Erkrankung beschreiben, von begrenztem frühem Gewebeverlust bis zu ausgedehntem Verlust mit möglichem Zahnverlust. Das Grading (Grad A bis C) schätzt zusätzlich die wahrscheinliche Progressionsgeschwindigkeit ein; Rauchen und die Blutzuckereinstellung bei Diabetes dienen dabei als wichtige Grad-Modifikatoren.

Diese Einteilung hilft, Therapie und Nachsorge individuell auf die jeweilige Situation abzustimmen, und wird ausschließlich zahnärztlich vorgenommen.

Risikofaktoren

  • Rauchen: einer der bedeutendsten beeinflussbaren Risikofaktoren, sowohl für Entstehung als auch Fortschreiten
  • Diabetes: ist mit einem erhöhten Risiko und einem ungünstigeren Verlauf der Parodontitis verbunden. Umgekehrt ist Parodontitis bei Menschen mit Diabetes mit einer schlechteren Blutzuckereinstellung assoziiert; eine erfolgreiche parodontale Therapie kann diese in begrenztem Ausmaß verbessern
  • Individuelle genetische und immunologische Suszeptibilität: Sie beeinflusst das Erkrankungsrisiko, erlaubt jedoch allein keine sichere Vorhersage des individuellen Verlaufs
  • Unzureichende Biofilmkontrolle über längere Zeit

Warum Symptome oft fehlen

Zahnfleischbluten ist häufig eines der ersten Warnzeichen, wird jedoch oft nicht ernst genommen. Viele Verläufe sind darüber hinaus lange schmerzfrei und symptomarm: ein wesentlicher Grund, warum Parodontitis häufig spät erkannt wird. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen mit Messung der Sondierungstiefen sind deshalb wichtiger als das Abwarten sichtbarer Beschwerden.

Behandlung

Die Therapie folgt einem stufenweisen Ansatz: Zunächst stehen Verhaltensänderungen und die Kontrolle von Biofilm und Risikofaktoren im Vordergrund. Anschließend werden bakterielle Beläge und mineralisierte Ablagerungen professionell aus den Zahnfleischtaschen entfernt (fachlich als subgingivale Instrumentierung bezeichnet). Die tägliche Biofilmkontrolle bleibt unverzichtbar, erreicht tiefere Zahnfleischtaschen jedoch nicht ausreichend; diese Bereiche erfordern professionelle Betreuung.

In ausgewählten Fällen kann ein chirurgischer Eingriff notwendig sein. Bei bestimmten Defekten können regenerative Verfahren zudem eine teilweise Wiederherstellung parodontaler Strukturen ermöglichen.

Nach Abschluss der aktiven Therapie ist eine langfristige, in der Regel lebenslange unterstützende Parodontitistherapie erforderlich, mit Kontrollintervallen nach individuellem Risiko. Parodontitis ist gut behandelbar, aber nicht im Sinne einer einmaligen Heilung, sondern eines langfristig zu betreuenden Zustands.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Parodontitis liegt vor, wenn ein charakteristischer Verlust von Stützgewebe an mehreren Zähnen nachweisbar ist
  • Der Gewebeverlust lässt sich nicht allgemein vollständig rückgängig machen, kann aber häufig stabilisiert werden
  • Vier Stadien (Schweregrad) und drei Grade (Progressionsgeschwindigkeit) ermöglichen eine individuelle Einordnung
  • Rauchen und Diabetes zählen zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren
  • Häufig lange schmerzfrei: regelmäßige Kontrollen sind entscheidend
  • Behandlung ist stufenweise und erfordert dauerhafte Nachsorge, keine einmalige Heilung

Häufige Fragen

Kann Parodontitis schmerzfrei sein?

Ja. Viele Verläufe sind lange symptomarm. Deshalb sind regelmäßige zahnärztliche Kontrollen wichtiger als das Abwarten spürbarer Beschwerden.

Reicht Zähneputzen allein aus?

Es ist notwendig, aber bei bestehender Parodontitis in der Regel nicht ausreichend. Tiefere Zahnfleischtaschen erfordern eine professionelle diagnostische und therapeutische Betreuung, die zahnärztlich erfolgen muss.

Was ist der Unterschied zwischen Gingivitis und Parodontitis?

Gingivitis betrifft ausschließlich das Zahnfleisch und ist reversibel. Parodontitis liegt vor, sobald zusätzlich Stützgewebe verloren gegangen ist: ein Zustand, der sich nicht allgemein vollständig rückgängig machen lässt. Nur eine zahnärztliche Untersuchung kann diese Unterscheidung zuverlässig treffen.

Kann Parodontitis geheilt werden?

Mit konsequenter Therapie und langfristiger Nachsorge lässt sich die Erkrankung häufig stabilisieren. Bereits verlorenes Stützgewebe wird dadurch jedoch nicht vollständig wiederhergestellt; in ausgewählten Fällen können regenerative Verfahren eine teilweise Wiederherstellung ermöglichen.

Was hat Diabetes mit Parodontitis zu tun?

Diabetes kann Risiko und Verlauf einer Parodontitis ungünstig beeinflussen. Gleichzeitig ist eine unbehandelte beziehungsweise instabile Parodontitis bei Menschen mit Diabetes mit einer ungünstigeren Blutzuckereinstellung verbunden. Eine gute medizinische und zahnärztliche Betreuung sollte deshalb beide Erkrankungen berücksichtigen.

KEERN Perspektive

Parodontitis verdeutlicht, dass langfristige Mundgesundheit nicht durch eine einzelne Maßnahme gesichert werden kann. Tägliche Biofilmkontrolle, individuelle Risikofaktoren, professionelle Therapie und strukturierte Nachsorge müssen gemeinsam betrachtet werden.

Der KEERN Ansatz ordnet die tägliche Mundpflege als einen unterstützenden Bestandteil einer umfassenden Betreuung ein. Diagnose, Therapie und Nachsorge einer Parodontitis gehören in zahnärztliche beziehungsweise parodontologische Hand.

Fachliche Einordnung

Klinische Relevanz

  • Diagnostik nach aktuellen Fallkriterien, einschließlich Staging und Grading
  • Risikofaktor- und Systemerkrankungs-Screening (Rauchen, Diabetes)
  • Stufenweise Therapieplanung nach EFP S3-Leitlinien (Stadium I–III und Stadium IV)
  • Langfristige unterstützende Parodontitistherapie (Recall-Intervalle nach individuellem Risiko)

Diagnostik und Falldefinition

Nach der Klassifikation des 2017 World Workshop (EFP/AAP) liegt ein Parodontitisfall vor, wenn interdentaler klinischer Attachmentverlust an mindestens zwei nicht benachbarten Zähnen nachweisbar ist, oder wenn bukkaler beziehungsweise oraler Attachmentverlust von mindestens 3 mm mit Sondierungstiefen über 3 mm an mindestens zwei Zähnen besteht. Nicht parodontitisbedingte Ursachen des Attachmentverlusts (z. B. zervikale Restaurationen oder Karies, Wurzelfrakturen) müssen zuvor ausgeschlossen werden.

Staging und Grading

Das Staging (Stadium I–IV) beschreibt Schweregrad und Komplexität anhand von Attachmentverlust, radiographischem Knochenabbau, Zahnverlust durch Parodontitis sowie zusätzlicher Komplexitätsfaktoren. Das Grading (Grad A–C) schätzt die Progressionsgeschwindigkeit anhand direkter oder indirekter Evidenz ein; Rauchen und die glykämische Einstellung bei Diabetes dienen dabei als wichtige Grad-Modifikatoren. Ein 2019 publiziertes Corrigendum korrigierte einzelne Werte in den Anhangstabellen zur praktischen Anwendung von Staging und Grading; die grundlegenden Fallkriterien sind davon nicht betroffen. Auf die vollständige Wiedergabe der Stadien- und Grad-Tabellen wird hier verzichtet; für die klinische Anwendung wird auf die Originalpublikation samt Corrigendum verwiesen.

Risikofaktoren und systemische Zusammenhänge

Rauchen und Diabetes gelten als die am besten belegten modifizierenden Risikofaktoren für Entstehung und Progression der Parodontitis und fließen explizit in das Grading ein. Die Beziehung zu Diabetes ist bidirektional dokumentiert: Diabetes ist mit einem erhöhten Risiko und einem ungünstigeren Verlauf der Parodontitis assoziiert, während eine unbehandelte beziehungsweise instabile Parodontitis mit einer schlechteren glykämischen Kontrolle verbunden ist. Eine erfolgreiche parodontale Therapie kann die Blutzuckereinstellung in begrenztem Ausmaß verbessern. Assoziationen zwischen Parodontitis und weiteren systemischen Erkrankungen (u. a. kardiovaskuläre Erkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen) werden in der Literatur diskutiert; ein kausaler Zusammenhang ist damit nicht automatisch belegt.

Therapieprinzipien

Die EFP S3-Leitlinie für Stadium I–III beschreibt einen stufenweisen Therapieansatz: (1) Verhaltensänderung, Kontrolle von supragingivalem Biofilm, gingivaler Entzündung und Risikofaktoren; (2) supra- und subgingivale Instrumentierung, mit oder ohne adjuvante Maßnahmen; (3) bei Bedarf verschiedene parodontalchirurgische Verfahren, einschließlich regenerativer Verfahren in ausgewählten Defektsituationen; (4) unterstützende Parodontitistherapie zur langfristigen Sicherung des Behandlungserfolgs. Für Stadium IV (gekennzeichnet durch zusätzliche funktionelle und anatomische Folgeschäden wie Zahnwanderung oder Bisskollaps) liegt seit 2022 eine ergänzende, interdisziplinär ausgerichtete EFP S3-Leitlinie vor. Die Wahl der Interventionen richtet sich nach Stadium und individueller Situation.

Leitlinien

Die S3-Leitlinie ‘Die Behandlung von Parodontitis Stadium I bis III’ (AWMF 083-043, DG PARO / DGZMK, deutsche Implementierung der EFP-Leitlinie) wurde im Dezember 2020 veröffentlicht. Die ausgewiesene Gültigkeit endete am 30.11.2025; die Leitlinie ist im AWMF-Register aktuell als archiviert geführt, eine Überarbeitung befindet sich in Bearbeitung. Für Stadium IV liegt seit 2022 eine eigene EFP-S3-Leitlinie vor (Herrera et al.); eine deutsche Implementierung ist unter AWMF 083-056 angemeldet. Ergänzend behandelt die S2k-Leitlinie ‘Diabetes und Parodontitis’ (AWMF 083-015, DG PARO / DDG / DGZMK, Stand 2024) die bidirektionale Beziehung beider Erkrankungen im Detail.

Evidenzlage

Papapanou, Sanz, Buduneli et al. (2018): Periodontitis: Consensus report of workgroup 2 of the 2017 World Workshop. Journal of Clinical Periodontology, 45(Suppl 20), S162–S170. Etabliert die aktuell gültige Falldefinition der Parodontitis.

Tonetti, Greenwell, Kornman (2018): Staging and grading of periodontitis: Framework and proposal of a new classification and case definition. Journal of Clinical Periodontology, 45(Suppl 20), S149–S161. Konsensbericht; etabliert das Staging- und Grading-System. Corrigendum 2019 zu einzelnen Anhangstabellen.

Sanz, Herrera, Kebschull et al. (2020): Treatment of stage I–III periodontitis: The EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology, 47(Suppl 22), 4–60. Evidenzbasierte Therapieleitlinie, entwickelt auf Basis von 15 systematischen Übersichtsarbeiten nach GRADE-Methodik.

Herrera, Sanz, Kebschull et al. (2022): Treatment of stage IV periodontitis: The EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology, 49(Suppl 24), 4–71. Ergänzende Therapieleitlinie für Stadium IV mit interdisziplinärem Fokus.

Die Inhalte des KEERN Lexikons dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine individuelle zahnärztliche Beratung oder Behandlung.