Hilfsmittel

Interdentalbürste

Evidenz: Mittel Hilfsmittel Lesezeit: ca. 5 Min. Fachlich geprüft: 10.08.2026 · KEERN Redaktion

Die Interdentalbürste ist ein kleines Bürstchen zur Reinigung der Zahnzwischenräume, deren Größe nach dem Durchtrittsdurchmesser (Passage Hole Diameter, PHD) gemäß ISO 16409 bestimmt wird. Die richtige Größe ist zentral für Wirksamkeit und Verträglichkeit: zu klein reinigt unzureichend, zu groß kann das Zahnfleisch reizen. Farbkodierungen sind zwischen Herstellern nicht einheitlich.

Verwandte Begriffe:InterdentalraumBiofilmPlaque

Definition

Eine Interdentalbürste ist ein kleines Bürstchen zur Reinigung des Interdentalraums (des Zwischenraums zwischen zwei Zähnen, den die normale Zahnbürste kaum erreicht). Anders als Zahnseide, die den Raum eher durchzieht, passt sich die Interdentalbürste dreidimensional an die Form des Zwischenraums an und kann so auch konkave oder unregelmäßige Flächen erreichen.

Genau dort kann sich dentaler Biofilm besonders leicht ansammeln. Bleibt diese Plaque unzureichend kontrolliert, kann sie Gingivitis begünstigen: Die Interdentalbürste setzt genau an dieser Stelle an.

Interdentalbürsten werden nach dem Durchtrittsdurchmesser klassifiziert (Passage Hole Diameter, PHD): ein standardisiertes Maß für die kleinste Durchtrittsöffnung, durch die eine Interdentalbürste unter definierten Testbedingungen hindurchpasst, gemäß ISO 16409.

Kurz gesagt

Bei der Interdentalbürste ist die richtige Größe einer der wichtigsten Faktoren für wirksame und angenehme Reinigung. Eine zu kleine Bürste reinigt nicht ausreichend, weil sie den Zwischenraum nicht vollständig ausfüllt. Eine zu große Bürste muss mit Kraft eingeführt werden und kann dabei Zahnfleisch und Interdentalpapille reizen. Unterschiedliche Zahnzwischenräume im selben Gebiss erfordern häufig unterschiedliche Bürstengrößen.

Ein häufiger Irrtum

Viele gehen davon aus, dass Farbcodes bei Interdentalbürsten herstellerunabhängig vergleichbar sind: ‘Rot‘ sei also bei jeder Marke dieselbe Größe. Das stimmt nicht: Zwar orientieren sich viele Hersteller an ähnlichen Farbschemata, doch es gibt keine verbindliche, herstellerunabhängige Farbnorm. Wer die Marke wechselt, sollte die Größe deshalb nicht allein anhand der Farbe, sondern anhand der angegebenen PHD- oder Durchmesserangabe (in Millimetern) wählen.

Die richtige Größe finden

Die richtige Größe kann sich im selben Mund unterscheiden. Unterschiedliche Zahnzwischenräume erfordern häufig unterschiedliche Bürstengrößen.

  • Die Bürste sollte sich ohne merklichen Widerstand einführen lassen, dabei aber spürbaren Kontakt zu beiden Zahnflächen haben
  • Schmerzen oder deutlicher Widerstand beim Einführen können auf eine zu große Größe oder einen falschen Einführwinkel hinweisen
  • Bluten kann auch eine bereits bestehende Zahnfleischentzündung widerspiegeln und belegt für sich genommen nicht, dass die Bürstengröße zu groß gewählt wurde
  • „Durchrutschen“ ohne jeden Kontakt spricht für eine zu kleine Größe
  • Eine Vermessung und Empfehlung in der zahnärztlichen Praxis ist der zuverlässigste Weg zur passenden Größe

Anwendung

  • Die Bürste vorsichtig, ohne Kraftaufwand, durch den Zwischenraum führen
  • Mehrfach hin und her bewegen, entsprechend den Produktangaben und der in der zahnärztlichen Praxis gezeigten Technik
  • Eine regelmäßige Anwendung, häufig einmal täglich, wird für viele Personen empfohlen; Zeitpunkt und Häufigkeit können individuell und nach fachlicher Empfehlung angepasst werden

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Interdentalbürsten reinigen dreidimensional und erreichen auch unregelmäßige Zwischenraumformen
  • Die richtige Größe ist einer der wichtigsten Faktoren für wirksame, angenehme Reinigung: unterschiedliche Zwischenräume im selben Gebiss brauchen oft unterschiedliche Größen
  • Farbcodes sind zwischen Herstellern nicht einheitlich: Beim Markenwechsel auf die Millimeterangabe achten, nicht auf die Farbe
  • Schmerzen oder deutlicher Widerstand beim Einführen können auf eine zu große Bürste hindeuten; Bluten allein nicht, da es auch eine bestehende Zahnfleischentzündung widerspiegeln kann
  • Eine zahnärztliche Vermessung liefert die zuverlässigste Größenempfehlung

Häufige Fragen

Was ist besser: Zahnseide oder Interdentalbürste?

Das hängt von der Größe des Zwischenraums ab. Bei engen Kontaktpunkten ist Zahnseide oft praktikabler. Bei größeren oder offenen Interdentalräumen können Interdentalbürsten geeigneter sein. Vergleichsstudien deuten zudem auf einen möglichen Vorteil gegenüber Zahnseide hinsichtlich Gingivitis hin, die Sicherheit dieser Evidenz ist jedoch niedrig bis sehr niedrig.

Wie finde ich die richtige Größe?

Am zuverlässigsten durch Vermessung und Empfehlung in der zahnärztlichen Praxis. Als Faustregel gilt: Die Bürste sollte spürbaren Kontakt haben, ohne Kraft oder Schmerzen beim Einführen zu verursachen.

Warum brauche ich mehrere Größen?

Weil die Zwischenräume im selben Gebiss unterschiedlich groß sind. Unterschiedliche Zwischenräume erfordern häufig unterschiedliche Bürstengrößen.

Kann ich mich beim Markenwechsel auf die Farbe verlassen?

Nicht uneingeschränkt. Farbcodes sind zwischen Herstellern nicht einheitlich standardisiert. Verlässlicher ist die angegebene Millimeter- oder PHD-Angabe auf der Verpackung.

Kann eine Interdentalbürste das Zahnfleisch schädigen?

Bei korrekter Größe und Anwendung ist das Risiko gering. Eine zu groß gewählte Bürste, die mit Kraft oder falschem Winkel eingeführt wird, kann jedoch Zahnfleisch und Interdentalpapille reizen oder verletzen. Bluten allein bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Bürste zu groß ist; es kann auch eine bestehende Zahnfleischentzündung widerspiegeln, die selbst ein Grund für eine zahnärztliche Abklärung ist.

Wie oft sollte ich die Interdentalbürste anwenden?

Eine regelmäßige Anwendung, häufig einmal täglich, wird für viele Personen empfohlen. Zeitpunkt und Häufigkeit können individuell und nach fachlicher Empfehlung angepasst werden.

KEERN Perspektive

Die Interdentalbürste zeigt, dass ein gutes Hilfsmittel allein nicht ausreicht: Erst die richtige Größe macht den Unterschied. Ein Produkt zu empfehlen, ohne auf individuelle Passform hinzuweisen, greift zu kurz.

Eine fachkundige Größenbestimmung und Einweisung sind besonders hilfreich beim Einstieg in die Interdentalpflege oder wenn unterschiedliche Zwischenräume unterschiedliche Größen erfordern.

Fachliche Einordnung

Klinische Relevanz

  • Individuelle Größenbestimmung als zentrale Voraussetzung für Wirksamkeit und Gewebeverträglichkeit
  • Aufklärung über fehlende herstellerunabhängige Farbnormierung
  • Instruktion zu Einführwinkel und -kraft zur Vermeidung von Gewebetraumata
  • Berücksichtigung mehrerer Größen pro Gebiss bei variabler Interdentalraumgeometrie
  • Motivation der Patient:innen zur regelmäßigen Interdentalpflege als wesentlicher Bestandteil der Praxistätigkeit

Größenbestimmung: PHD und ISO 16409

Sekundo und Staehle (2020) untersuchten 2320 Interdentalbürsten-Proben von 24 Herstellern hinsichtlich ihres Durchtrittsdurchmessers (Passage Hole Diameter, PHD) nach ISO 16409:2016. Die Bestimmung des PHD erwies sich als reproduzierbares Klassifikationsinstrument mit exzellenter Inter- und Intrarater-Reliabilität (ICC ≥ 0,973), wobei die Variabilität bei größeren Bürsten zunahm. Das kommerzielle Angebot umfasste einen PHD-Bereich von 0,6–5,2 mm, wobei 90 % der Produkte einen PHD von ≤ 2,0 mm aufwiesen. Nur 33 % der Hersteller gaben die ISO-Größe an, nur 25 % den exakten PHD-Wert: eine uneinheitliche Kennzeichnungspraxis, die die Produktauswahl für Patient:innen erschwert.

Farbkodierung: keine herstellerunabhängige Norm

Turner (2022) weist im British Dental Journal darauf hin, dass die Farbkodierung von Interdentalbürsten je nach Hersteller unterschiedliche Durchmesser bezeichnen kann. Patient:innen, die beim Nachkauf (etwa online) allein nach Farbe statt nach Marke und Millimeterangabe wählen, laufen Gefahr, eine unpassende Größe zu erwerben. Eine Empfehlung sollte daher stets die exakte Durchmesser- oder ISO-Größenangabe des jeweiligen Herstellers einschließen, nicht allein die Farbe.

Einführkräfte und Gewebeschutz

In der genannten In-vitro-Untersuchung von Sekundo und Staehle (2020) betrugen die gemessenen Einführkräfte im Mittel 1,58 N (SD 1,27 N) für zylindrische und konische Bürsten sowie 2,31 N (SD 0,81 N) für taillierte Formen: Werte, die als überwiegend moderat und damit als unwahrscheinliche Ursache für parodontales Trauma eingestuft wurden. Die Autor:innen betonen jedoch, dass aus den In-vitro-Kräften keine direkten Rückschlüsse auf klinische Traumafolgen gezogen werden können und entsprechende In-vivo-Studien noch ausstehen.

Wirksamkeit

Ein Cochrane-Review von 2019 (Worthington et al.), das frühere Übersichtsarbeiten zu Zahnseide und Interdentalbürsten zusammenführt und erweitert, wertete 35 Studien mit 3929 erwachsenen Teilnehmenden aus. Es fand, dass die zusätzliche Anwendung von Zahnseide oder Interdentalbürsten neben dem Zähneputzen Gingivitis, Plaque oder beides stärker reduzieren kann als Zähneputzen allein, und dass Interdentalbürsten speziell bei Gingivitis möglicherweise wirksamer sind als Zahnseide, während die Evidenz für Plaque uneinheitlich war. Die Sicherheit dieser Evidenz wurde durchgehend als niedrig bis sehr niedrig eingestuft; die Autor:innen weisen zudem darauf hin, dass die beobachteten Effektgrößen möglicherweise nicht klinisch relevant sind. Die meisten Studien waren kurzfristig angelegt, und die Teilnehmenden wiesen überwiegend eine geringe Ausgangsentzündung des Zahnfleisches auf.

Was die Daten derzeit nicht zeigen

  • Keine In-vivo-Studien, die gemessene Einführkräfte direkt mit klinischen Traumafolgen wie Papillenkompression oder Rezessionen verknüpfen
  • Keine verbindliche, herstellerunabhängige Farbnorm, trotz breiter faktischer Verwendung ähnlicher Farbschemata
  • Begrenzte Evidenz zur Überlegenheit bestimmter Bürstenformen (zylindrisch, konisch, tailliert) hinsichtlich Plaqueentfernung
  • Keine Evidenz hoher Sicherheit dafür, dass Interdentalbürsten Zahnseide über alle untersuchten Endpunkte hinweg überlegen sind; der in der Cochrane-Übersicht gefundene mögliche Vorteil betrifft insbesondere Gingivitis und beruht auf Evidenz niedriger bis sehr niedriger Sicherheit

Evidenzlage

Sekundo, Staehle (2020): Mapping the Product Range of Interdental Brushes: Sizes, Shapes, and Forces. Oral Health & Preventive Dentistry. Untersuchung von 2320 Produktproben; etabliert PHD nach ISO 16409 als reproduzierbares Klassifikationsinstrument und analysiert Einführkräfte in vitro.

Turner (2022): Interdental brushes and ISO standards. British Dental Journal, 232, 761–762. Kommentar; problematisiert die fehlende herstellerunabhängige Farbnormierung und deren Folgen für die Patientenberatung.

Worthington, MacDonald, Poklepovic Pericic, Sambunjak, Johnson, Imai, Clarkson (2019): Home use of interdental cleaning devices, in addition to toothbrushing, for preventing and controlling periodontal diseases and dental caries. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2019(4), CD012018. Führt die frühere, mittlerweile zurückgezogene Übersichtsarbeit zu Interdentalbürsten (Poklepovic Pericic et al., 2013) fort und erweitert sie; 35 Studien, 3929 erwachsene Teilnehmende; durchgehend Evidenz niedriger bis sehr niedriger Sicherheit.

Hinweis: Die Inhalte des KEERN Lexikons vermitteln wissenschaftlich fundiertes Wissen zur Mundgesundheit. Sie können das Gespräch mit Ihrer Zahnärztin, Ihrem Zahnarzt, Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke unterstützen, ersetzen jedoch keine individuelle Diagnose oder Therapie.