Fachliche Einordnung
Klinische Relevanz
- Individuelle Größenbestimmung als zentrale Voraussetzung für Wirksamkeit und Gewebeverträglichkeit
- Aufklärung über fehlende herstellerunabhängige Farbnormierung
- Instruktion zu Einführwinkel und -kraft zur Vermeidung von Gewebetraumata
- Berücksichtigung mehrerer Größen pro Gebiss bei variabler Interdentalraumgeometrie
- Motivation der Patient:innen zur regelmäßigen Interdentalpflege als wesentlicher Bestandteil der Praxistätigkeit
Größenbestimmung: PHD und ISO 16409
Sekundo und Staehle (2020) untersuchten 2320 Interdentalbürsten-Proben von 24 Herstellern hinsichtlich ihres Durchtrittsdurchmessers (Passage Hole Diameter, PHD) nach ISO 16409:2016. Die Bestimmung des PHD erwies sich als reproduzierbares Klassifikationsinstrument mit exzellenter Inter- und Intrarater-Reliabilität (ICC ≥ 0,973), wobei die Variabilität bei größeren Bürsten zunahm. Das kommerzielle Angebot umfasste einen PHD-Bereich von 0,6–5,2 mm, wobei 90 % der Produkte einen PHD von ≤ 2,0 mm aufwiesen. Nur 33 % der Hersteller gaben die ISO-Größe an, nur 25 % den exakten PHD-Wert: eine uneinheitliche Kennzeichnungspraxis, die die Produktauswahl für Patient:innen erschwert.
Farbkodierung: keine herstellerunabhängige Norm
Turner (2022) weist im British Dental Journal darauf hin, dass die Farbkodierung von Interdentalbürsten je nach Hersteller unterschiedliche Durchmesser bezeichnen kann. Patient:innen, die beim Nachkauf (etwa online) allein nach Farbe statt nach Marke und Millimeterangabe wählen, laufen Gefahr, eine unpassende Größe zu erwerben. Eine Empfehlung sollte daher stets die exakte Durchmesser- oder ISO-Größenangabe des jeweiligen Herstellers einschließen, nicht allein die Farbe.
Einführkräfte und Gewebeschutz
In der genannten In-vitro-Untersuchung von Sekundo und Staehle (2020) betrugen die gemessenen Einführkräfte im Mittel 1,58 N (SD 1,27 N) für zylindrische und konische Bürsten sowie 2,31 N (SD 0,81 N) für taillierte Formen: Werte, die als überwiegend moderat und damit als unwahrscheinliche Ursache für parodontales Trauma eingestuft wurden. Die Autor:innen betonen jedoch, dass aus den In-vitro-Kräften keine direkten Rückschlüsse auf klinische Traumafolgen gezogen werden können und entsprechende In-vivo-Studien noch ausstehen.
Wirksamkeit
Ein Cochrane-Review von 2019 (Worthington et al.), das frühere Übersichtsarbeiten zu Zahnseide und Interdentalbürsten zusammenführt und erweitert, wertete 35 Studien mit 3929 erwachsenen Teilnehmenden aus. Es fand, dass die zusätzliche Anwendung von Zahnseide oder Interdentalbürsten neben dem Zähneputzen Gingivitis, Plaque oder beides stärker reduzieren kann als Zähneputzen allein, und dass Interdentalbürsten speziell bei Gingivitis möglicherweise wirksamer sind als Zahnseide, während die Evidenz für Plaque uneinheitlich war. Die Sicherheit dieser Evidenz wurde durchgehend als niedrig bis sehr niedrig eingestuft; die Autor:innen weisen zudem darauf hin, dass die beobachteten Effektgrößen möglicherweise nicht klinisch relevant sind. Die meisten Studien waren kurzfristig angelegt, und die Teilnehmenden wiesen überwiegend eine geringe Ausgangsentzündung des Zahnfleisches auf.
Was die Daten derzeit nicht zeigen
- Keine In-vivo-Studien, die gemessene Einführkräfte direkt mit klinischen Traumafolgen wie Papillenkompression oder Rezessionen verknüpfen
- Keine verbindliche, herstellerunabhängige Farbnorm, trotz breiter faktischer Verwendung ähnlicher Farbschemata
- Begrenzte Evidenz zur Überlegenheit bestimmter Bürstenformen (zylindrisch, konisch, tailliert) hinsichtlich Plaqueentfernung
- Keine Evidenz hoher Sicherheit dafür, dass Interdentalbürsten Zahnseide über alle untersuchten Endpunkte hinweg überlegen sind; der in der Cochrane-Übersicht gefundene mögliche Vorteil betrifft insbesondere Gingivitis und beruht auf Evidenz niedriger bis sehr niedriger Sicherheit
Evidenzlage
Sekundo, Staehle (2020): Mapping the Product Range of Interdental Brushes: Sizes, Shapes, and Forces. Oral Health & Preventive Dentistry. Untersuchung von 2320 Produktproben; etabliert PHD nach ISO 16409 als reproduzierbares Klassifikationsinstrument und analysiert Einführkräfte in vitro.
Turner (2022): Interdental brushes and ISO standards. British Dental Journal, 232, 761–762. Kommentar; problematisiert die fehlende herstellerunabhängige Farbnormierung und deren Folgen für die Patientenberatung.
Worthington, MacDonald, Poklepovic Pericic, Sambunjak, Johnson, Imai, Clarkson (2019): Home use of interdental cleaning devices, in addition to toothbrushing, for preventing and controlling periodontal diseases and dental caries. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2019(4), CD012018. Führt die frühere, mittlerweile zurückgezogene Übersichtsarbeit zu Interdentalbürsten (Poklepovic Pericic et al., 2013) fort und erweitert sie; 35 Studien, 3929 erwachsene Teilnehmende; durchgehend Evidenz niedriger bis sehr niedriger Sicherheit.