Orale Anatomie

Interdentalraum

Evidenz: Mittel Orale Anatomie Lesezeit: ca. 5 Min. Fachlich geprüft: 10.08.2026 · KEERN Redaktion

Der Interdentalraum ist der Zwischenraum zweier benachbarter Zähne. Er macht etwa 30–40 % aller Zahnflächen aus, ist für Zahnbürsten jedoch kaum zugänglich. Die deutsche S3-Leitlinie hält eine regelmäßige Interdentalraumreinigung für biologisch plausibel kariesprotektiv und empfiehlt sie mehrmals wöchentlich, auch wenn die Studienlage zu einzelnen Hilfsmitteln uneinheitlich ist.

Definition

Der Interdentalraum ist der Zwischenraum zweier benachbarter Zähne. Laut der deutschen S3-Leitlinie zur Kariesprävention liegen etwa 30–40 % aller Zahnflächen im Interdentalraum: ein erheblicher Anteil, der beim Zähneputzen leicht übersehen wird. Zahnbürsten können aufgrund ihrer Form nicht vollständig in diesen Bereich eindringen, selbst bei sorgfältiger Putztechnik.

Genau dort, wo die Zahnbürste nicht hinkommt, sammelt sich Biofilm besonders zuverlässig an: mit entsprechenden Folgen für das Kariesrisiko an den Kontaktflächen der Zähne.

Kurz gesagt

Der Interdentalraum ist blinder Fleck jeder Zahnbürste. Zusätzliche Hilfsmittel (Zahnseide, Interdentalbürsten oder ähnliche Produkte) sind biologisch sinnvoll, um diesen Bereich zu erreichen. Welches Hilfsmittel im Einzelfall am besten passt, hängt von der Größe der Zahnzwischenräume und der individuellen Handhabung ab.

Was viele überrascht

Immer wieder wird berichtet, die wissenschaftliche Evidenz für Zahnseide sei ‘schwach‘: ein Befund, der oft als ‘Zahnseide bringt nichts‘ missverstanden wird. Tatsächlich fehlt es vor allem an gut kontrollierten Langzeitstudien, die Karies direkt als Endpunkt untersuchen; die meisten Studien messen stattdessen Plaquereduktion als Ersatzmaß. Eine fehlende Evidenz für einen Nutzen ist jedoch nicht dasselbe wie eine Evidenz für einen fehlenden Nutzen; die biologische Wirkung der Interdentalraumreinigung bleibt plausibel, und neuere Einzelstudien zeigen tatsächlich einen kariesreduzierenden Effekt.

Warum empfiehlt die Leitlinie es trotzdem?

Das wirkt zunächst widersprüchlich: schwache Studienevidenz, aber trotzdem eine Empfehlung. Leitlinien stützen sich jedoch nicht ausschließlich auf randomisierte Studien, sondern beziehen auch biologische Plausibilität, klinische Erfahrung und das Verhältnis zwischen Nutzen und möglichen Risiken ein. Bei der Interdentalraumreinigung überwiegt der plausible Nutzen ein sehr geringes Risiko deutlich: Das reicht für eine Empfehlung, auch ohne erstklassige Studienlage zu Karies als direktem Endpunkt.

Werkzeuge im Überblick

  • Zahnseide: flexibel einsetzbar, besonders bei engem Kontaktpunkt zwischen den Zähnen
  • Interdentalbürsten: in vielen Studien tendenziell wirksamer als Zahnseide, sofern sie korrekt dimensioniert sind und zur Größe des Zahnzwischenraums passen
  • Reinigungsstäbchen aus Holz oder Gummi: einfache Handhabung, insbesondere bei größeren Zwischenräumen
  • Mundduschen: angenehm in der Anwendung; für eine zusätzliche kariespräventive Wirkung gegenüber dem Zähneputzen allein gibt es derzeit keine überzeugende Evidenz

Wie oft und wie

Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt eine regelmäßige Interdentalraumreinigung mehrmals wöchentlich. Dabei ist es nicht entscheidend, ob die Reinigung der Zahnzwischenräume vor oder nach dem übrigen Zähneputzen erfolgt: wichtiger ist die korrekte, regelmäßige Anwendung. Eine Einführung durch die zahnärztliche Praxis kann helfen, das passende Hilfsmittel zu finden und die Technik zu verbessern.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der Interdentalraum macht laut deutscher S3-Leitlinie 30–40 % aller Zahnflächen aus und ist für Zahnbürsten kaum zugänglich
  • Zahnseide, Interdentalbürsten und ähnliche Hilfsmittel ergänzen das Zähneputzen gezielt an dieser Stelle
  • Schwache Studienevidenz bedeutet nicht, dass Interdentalraumreinigung wirkungslos ist: Leitlinien berücksichtigen auch biologische Plausibilität und Nutzen-Risiko-Abwägung
  • Interdentalbürsten schneiden in Vergleichsstudien tendenziell etwas besser ab als Zahnseide, wenn korrekt dimensioniert
  • Empfohlen wird eine regelmäßige Anwendung mehrmals wöchentlich

Häufige Fragen

Warum reicht Zähneputzen allein nicht aus?

Zahnbürsten erreichen die Kontaktflächen zwischen den Zähnen kaum. Dort sammelt sich Biofilm an, ohne dass er beim normalen Putzen entfernt wird, unabhängig davon, wie gründlich geputzt wird.

Zahnseide oder Interdentalbürste: was ist besser?

In Vergleichsstudien schneiden Interdentalbürsten tendenziell etwas besser ab, sofern die Größe zum Zahnzwischenraum passt. Bei sehr engen Kontaktpunkten ist Zahnseide oft die praktikablere Wahl. Die zahnärztliche Praxis kann bei der Auswahl helfen.

Stimmt es, dass Zahnseide nicht wirkt?

Nein, das ist ein Missverständnis. Die Studienlage ist schwach, vor allem weil Langzeitstudien mit Karies als direktem Endpunkt fehlen. Das bedeutet nicht, dass Zahnseide wirkungslos ist; die biologische Wirkung bleibt plausibel, und einzelne neuere Studien zeigen einen kariesreduzierenden Effekt.

Sind Mundduschen eine gute Alternative?

Mundduschen sind angenehm in der Anwendung. Für eine zusätzliche kariespräventive Wirkung gegenüber dem Zähneputzen allein gibt es derzeit jedoch keine überzeugende Evidenz. Sie können dennoch eine sinnvolle Ergänzung sein, ersetzen aber keine mechanische Reinigung der Kontaktflächen.

Vor oder nach dem Zähneputzen?

Die Reihenfolge scheint keine große Rolle zu spielen. Entscheidend ist die regelmäßige, korrekte Anwendung, mehrmals wöchentlich, wie von der deutschen S3-Leitlinie empfohlen.

KEERN Perspektive

Der Interdentalraum steht für KEERN exemplarisch dafür, dass gute Mundpflege nicht bei der Zahnbürste endet. Ein Bereich, der 30–40 % der Zahnflächen ausmacht, verdient dieselbe Sorgfalt wie die gut sichtbaren Flächen, auch wenn er leicht übersehen wird.

Welches Hilfsmittel im Einzelfall passt, lässt sich am zuverlässigsten in der zahnärztlichen Praxis klären.

Fachliche Einordnung

Klinische Relevanz

  • Beratung zur individuellen Auswahl geeigneter Interdentalraumhilfsmittel nach Raumgröße
  • Differenzierte Einordnung der Evidenzlage gegenüber Patient:innen, ohne Verunsicherung durch verkürzte Medienberichte
  • Instruktion zur korrekten Anwendungstechnik als wesentlicher Wirksamkeitsfaktor

Evidenzlage im Detail

Der Cochrane-Review von Worthington et al. (2019) fasst 35 randomisierte kontrollierte Studien zu häuslichen Interdentalraumhilfsmitteln zusammen. Kein einziger Studienarm untersuchte Karies als direkten Endpunkt; als Surrogatparameter diente durchgehend die Plaquereduktion. Die Ergebnisse im Überblick: Zahnseide zusätzlich zur Zahnbürste reduziert Plaque stärker als die Zahnbürste allein (sehr geringe Evidenz, Studiendauer 3–6 Monate); für Interdentalbürsten ist die Evidenz gering; Holzstäbchen zeigten keinen zusätzlichen Nutzen (3 Monate); für Gummi-/Elastomer-Reinigungsstäbchen ist die Evidenz sehr gering (1 Monat); für Mundduschen liegt lediglich geringe Evidenz vor, dass sie keine zusätzliche Wirkung gegenüber Zähneputzen allein zeigen. Im direkten Vergleich der Hilfsmittel untereinander besteht sehr geringe Evidenz, dass Interdentalbürsten wirksamer sind als Zahnseide.

Neuere Studien mit Karies als Endpunkt

Vereinzelte, noch nicht in systematische Übersichtsarbeiten eingegangene Studien zeigen direkte kariespräventive Effekte: Bei Schulkindern im Wechselgebiss fand sich sowohl für Milchzähne als auch für erste bleibende Molaren ein geringeres Kariesvorkommen bei Zahnseidenutzung (Kamiab et al., 2021). Bei Erwachsenen senkte selbstberichtete Zahnseidenutzung das mittlere Kariesvorkommen gesamthaft wie approximal signifikant, ohne Unterschied zwischen 1–3x und 4–7x wöchentlicher Anwendung (Marchesan et al., 2018). Vergleichbare, wenn auch weniger ausgeprägte Effekte zeigten sich bei Senior:innen (Marchesan et al., 2020). Diese Ergebnisse sind vielversprechend, müssen jedoch durch weitere hochwertige Studien bestätigt werden, bevor sie in aktualisierte systematische Übersichtsarbeiten einfließen können.

Leitlinienstatus

Die S3-Leitlinie ‘Kariesprävention bei bleibenden Zähnen‘ (AWMF 083-021, Kapitel 6.1.6) spricht auf Basis dieser Datenlage eine Empfehlung aus (Evidenzbasierte Empfehlung 4, neu 2023, Empfehlungsgrad B, starker Konsens 14/0/0): Es ist biologisch plausibel, dass eine regelmäßige Interdentalraumreinigung eine kariesprotektive Wirkung aufweist; sie sollte daher regelmäßig mehrmals wöchentlich durchgeführt werden. Evidenzgrundlage: 1++ (Worthington et al., 2019), 2+ (Marchesan et al., 2018, 2020; Kamiab et al., 2021). Der Empfehlungsgrad B trotz insgesamt schwacher direkter Evidenz spiegelt wider, dass Leitlinienempfehlungen neben der Studienevidenz auch biologische Plausibilität und eine günstige Nutzen-Risiko-Abwägung einbeziehen.

Was die Daten derzeit nicht zeigen

  • Keine der in den systematischen Reviews eingeschlossenen Studien untersuchte Karies direkt als Endpunkt: Die Bewertung stützt sich überwiegend auf den Surrogatparameter Plaquereduktion
  • Eine fehlende Evidenz für einen Nutzen einzelner Hilfsmittel ist nicht gleichzusetzen mit einer Evidenz für einen fehlenden Nutzen; dies wird in der Leitlinie explizit betont
  • Keine eindeutige Überlegenheit eines einzelnen Hilfsmittels für alle Patient:innen; die individuelle Eignung hängt von anatomischen Gegebenheiten und Handhabung ab

Evidenzlage

Worthington, MacDonald, Poklepovic Pericic et al. (2019): Home use of interdental cleaning devices, in addition to toothbrushing, for preventing and controlling periodontal diseases and dental caries. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2019(4), CD012018. Systematic Review über 35 RCTs; kein Studienarm untersuchte Karies direkt, durchgehend Plaquereduktion als Surrogatparameter; primäre Evidenzgrundlage der Leitlinienempfehlung.

Hinweis: Die Inhalte des KEERN Lexikons vermitteln wissenschaftlich fundiertes Wissen zur Mundgesundheit. Sie können das Gespräch mit Ihrer Zahnärztin, Ihrem Zahnarzt, Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke unterstützen, ersetzen jedoch keine individuelle Diagnose oder Therapie.