Zahnhartsubstanz

Dentin

Evidenz: Hoch Zahnhartsubstanz Lesezeit: ca. 5 Min. Fachlich geprüft: 10.08.2026 · KEERN Redaktion

Dentin (Zahnbein) ist das mineralisierte Hartgewebe unterhalb des Zahnschmelzes, das den Großteil der Zahnkrone und -wurzel bildet und die Pulpa umschließt. Es ist Teil des biologisch reaktionsfähigen Dentin-Pulpa-Komplexes, durchzogen von mikroskopischen Kanälchen (Dentintubuli), und kann bei vitaler Pulpa in begrenztem Umfang neues Gewebe bilden. Freiliegendes Dentin mit offenen Tubuli ist eine häufige Grundlage für Zahnempfindlichkeit; der genaue neurosensorische Mechanismus wird weiterhin erforscht.

Definition

Dentin ist das mineralisierte Hartgewebe, das den größten Teil eines Zahnes bildet. In der Krone liegt es unterhalb des Zahnschmelzes, in der Wurzel unterhalb des Wurzelzements. Im Inneren umschließt Dentin die Pulpa, das zentrale Gewebe mit Blutgefäßen, Nerven, Zellen und Bindegewebe.

Dentin selbst ist nicht unmittelbar durchblutet. Seine biologische Reaktionsfähigkeit beruht auf dem eng verbundenen Dentin-Pulpa-Komplex: Es enthält mikroskopisch feine Kanälchen, die Dentintubuli, die sich von der Pulpa durch das Dentin bis in Richtung seiner äußeren Grenzfläche erstrecken und Gewebeflüssigkeit führen. Diese Struktur unterscheidet Dentin grundlegend vom reifen Zahnschmelz, der zellfrei ist und verlorenes Gewebe biologisch nicht regenerieren kann.

Kurz gesagt

Dentin ist weniger hart und weniger stark mineralisiert als Zahnschmelz, dafür aber elastischer und zäher: Es stützt den spröderen Schmelz von innen und hilft, Kaukräfte zu verteilen. Liegt Dentin frei, etwa durch Abnutzung oder freiliegende Wurzeloberflächen, kann es empfindlich auf Kälte, Wärme, Berührung oder süße Speisen und Getränke reagieren.

Warum freiliegendes Dentin schmerzt

Die am breitesten akzeptierte Erklärung ist die hydrodynamische Theorie: Äußere Reize wie Kälte, Wärme oder Luftzug bewegen die Flüssigkeit in offenen Dentintubuli und aktivieren dadurch schmerzleitende Strukturen nahe der Pulpa. Der genaue molekulare Ablauf wird weiterhin erforscht. Empfindliches Dentin weist häufig mehr beziehungsweise weiter geöffnete Tubuli auf als unempfindliches Dentin; die individuelle Schmerzwahrnehmung lässt sich daraus jedoch nicht zuverlässig vorhersagen.

Freiliegen allein führt nicht zwangsläufig zu Überempfindlichkeit; ob Beschwerden auftreten, hängt unter anderem davon ab, ob die Dentintubuli offen und durchgängig sind, sowie von individuellen sensorischen Faktoren.

Andere Ursachen empfindlicher Zähne müssen dennoch ausgeschlossen werden, darunter Karies, Risse oder undichte Füllungen; bei anhaltenden Beschwerden ist eine zahnärztliche Abklärung sinnvoll.

Ein häufiger Irrtum

Oft wird angenommen, verlorene Zahnhartsubstanz sei grundsätzlich unwiederbringlich: Was für Zahnschmelz zutrifft, gilt für Dentin nur eingeschränkt. Bei vitaler Pulpa kann der Dentin-Pulpa-Komplex als Reaktion auf ausreichend starke oder anhaltende Reize, etwa fortschreitende Karies oder erhebliche Abnutzung, sogenanntes Tertiärdentin bilden, neues Gewebe an der pulpanahen Seite. Dadurch kann die Pulpa zusätzlich abgeschirmt werden; äußerlich verlorene Zahnsubstanz wird dadurch jedoch nicht wiederhergestellt. Das ist kein Ersatz für großflächig verlorene Substanz, zeigt aber, dass Dentin im Gegensatz zu Zahnschmelz begrenzt reaktionsfähig bleibt.

Was bei freiliegendem oder empfindlichem Dentin wichtig ist

  • Zahnärztliche Abklärung der Ursache (etwa Zahnerosion, Abrasion, Zahnfleischrückgang oder zahnmedizinische Eingriffe), bevor nur die Symptome behandelt werden
  • Sanfte Putztechnik und moderater Druck, um weiteren Substanzverlust zu vermeiden
  • Spezielle Zahnpasten zur Reduktion der Empfindlichkeit können unterstützend wirken, ersetzen aber keine ursächliche Abklärung

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Dentin bildet den Großteil von Zahnkrone und -wurzel; in der Wurzel liegt es unter dem Zement, nicht außen frei
  • Dentin ist Teil des Dentin-Pulpa-Komplexes und dadurch begrenzt reaktionsfähig, anders als der zellfreie, nicht regenerationsfähige Zahnschmelz
  • Freiliegendes Dentin ist eine häufige, aber nicht die einzige Ursache für Zahnempfindlichkeit, und Freiliegen allein garantiert noch keine Beschwerden
  • Tertiärdentin schützt die Pulpa zusätzlich, stellt aber keine äußerlich verlorene Substanz wieder her
  • Bei anhaltender Empfindlichkeit lohnt sich eine zahnärztliche Ursachenabklärung

Häufige Fragen

Warum tut freiliegendes Dentin weh?

Nach der breit akzeptierten hydrodynamischen Theorie löst Flüssigkeitsbewegung in den Dentintubuli bei Kälte-, Wärme- oder anderen Reizen die Schmerzwahrnehmung aus. Eine neuere Studie diskutiert zusätzlich einen Ionentransport-Mechanismus, ohne die etablierte Theorie bislang als Konsens abzulösen.

Kann Dentin neues Gewebe bilden?

In begrenztem Umfang ja: Bei vitaler Pulpa kann der Dentin-Pulpa-Komplex als Reaktion auf Reize Tertiärdentin bilden. Das ersetzt keinen großflächigen äußeren Substanzverlust, zeigt aber eine echte Reaktionsfähigkeit, die Zahnschmelz nicht besitzt.

Warum wird Dentin oft als weniger widerstandsfähig beschrieben?

Dentin ist weniger stark mineralisiert als Zahnschmelz und daher anfälliger für säurebedingten Mineralverlust. Mechanisch ist es dagegen elastischer und zäher als der spröde Schmelz: Die beiden Gewebe ergänzen sich funktional, Dentin stützt den Schmelz von innen.

Was bedeuten Dentintubuli konkret?

Das sind mikroskopisch feine Kanälchen, die sich von der Pulpa durch das Dentin bis in Richtung seiner äußeren Grenzfläche erstrecken. Sie führen Gewebeflüssigkeit und können, vor allem pulpanah, Fortsätze der Odontoblasten enthalten; sie sind zentral für die Reizweiterleitung.

Wann sollte Zahnempfindlichkeit zahnärztlich abgeklärt werden?

Bei anhaltender oder zunehmender Empfindlichkeit, da diese neben freiliegendem Dentin auch auf andere, teils behandlungsbedürftige Ursachen hinweisen kann: etwa Karies, Risse oder undichte Füllungen. Dentinhyperästhesie ist eine Ausschlussdiagnose und sollte entsprechend abgeklärt werden.

KEERN Perspektive

Dentin zeigt, dass nicht jedes Zahngewebe gleich reagiert: Wer Zahnschmelz und Dentin gleichsetzt, übersieht wichtige Unterschiede in Empfindlichkeit, Reaktionsfähigkeit und Schutzbedarf.

Anhaltend oder neu aufgetretenes empfindliches Dentin erfordert eine fachkundige Abklärung der zugrunde liegenden Ursache statt reiner Symptombehandlung.

Fachliche Einordnung

Klinische Relevanz

  • Differenzialdiagnose der Ursachen freiliegenden Dentins und der Zahnempfindlichkeit vor symptomatischer Behandlung
  • Einordnung der Tertiärdentinbildung als natürlichen Schutzmechanismus bei vitaler, ausreichend reaktionsfähiger Pulpa
  • Aufklärung über begrenzte Reaktionsfähigkeit von Dentin im Gegensatz zum zellfreien Zahnschmelz
  • Realistische Einordnung des Nutzens desensibilisierender Zahnpasten gegenüber ursächlicher Therapie

Struktur und Zusammensetzung

Bezogen auf das Gewicht besteht reifes Dentin zu etwa 70 % aus anorganischer Substanz, zu rund 20 % aus organischer Matrix (überwiegend Typ-I-Kollagen) und zu etwa 10 % aus Wasser; die entsprechenden Volumenanteile liegen bei etwa 45/33/22 % (Goldberg et al., 2011). Die mineralische Phase wird in der Fachliteratur zumeist als überwiegend karbonatsubstituierter Apatit beziehungsweise hydroxylapatitähnliche Mineralphase beschrieben, nicht als stöchiometrisch reine Hydroxylapatit-Kristalle. Diese geringere Mineralisation gegenüber Zahnschmelz (rund 96 % anorganisch) erklärt sowohl die höhere Elastizität als auch die stärkere Anfälligkeit von Dentin für säurebedingten Mineralverlust.

Strukturell wird zwischen physiologischem Primärdentin (während der Zahnentwicklung gebildet) und Sekundärdentin (nach Wurzelabschluss, langsam fortlaufend) sowie reizinduziertem tertiärem Dentin unterschieden. Innerhalb der tertiären Dentinbildung wird weiter differenziert: Reaktionsdentin wird von überlebenden, bereits differenzierten Odontoblasten sezerniert, während Reparaturdentin nach stärkerer Schädigung von neu differenzierten odontoblastenähnlichen Zellen gebildet wird (Goldberg et al., 2011; Farges et al., 2015). Diese tertiäre Dentinbildung setzt eine vitale, ausreichend reaktionsfähige Pulpa voraus und lagert Gewebe an der pulpanahen Seite an; sie stellt keine Regeneration der äußerlich verlorenen Zahnhartsubstanz dar und kann den Pulparaum zusätzlich verkleinern.

Die Dentintubuli erstrecken sich von der Pulpa durch das Dentin bis in Richtung der Schmelz-Dentin- beziehungsweise Zement-Dentin-Grenze. Sie führen Gewebeflüssigkeit und können, insbesondere in pulpanahen Bereichen, Fortsätze der Odontoblasten enthalten; das Ausmaß dieser Fortsätze ist regional nicht einheitlich.

Sensitivitätsmechanismus: etablierte Theorie und aktuelle Forschung

Die hydrodynamische Theorie (Brännström, ab den 1960er-Jahren entwickelt) gilt weiterhin als die breit akzeptierte Erklärung für Dentinhyperästhesie: Thermische, osmotische, taktile oder evaporative Reize versetzen die Flüssigkeit in offenen Dentintubuli in Bewegung; diese Bewegung stimuliert mechanosensitive Nervenendigungen im Bereich der Pulpa. Aktuelle Übersichtsarbeiten bestätigen, dass diese Theorie trotz ungeklärter Detailfragen der klinische Referenzrahmen bleibt (Liu et al., 2020). Empfindliches Dentin weist tendenziell mehr beziehungsweise weiter geöffnete Tubuli auf; die individuelle Schmerzwahrnehmung lässt sich daraus allein jedoch nicht zuverlässig vorhersagen.

Eine einzelne, methodisch neuartige Studie (Chen et al., 2023) schlug mittels elektrochemischer und elektroneurophysiologischer Methoden einen gerichteten Kationentransport durch die nanoskalig verengten, negativ geladenen Dentintubuli als alternativen oder ergänzenden Auslöser der Nervenreizung vor. Dieser Ansatz hat die hydrodynamische Theorie bislang nicht als klinischen Konsens abgelöst; er zeigt jedoch, dass der genaue molekulare Mechanismus der Dentinhyperästhesie weiterhin aktiv erforscht wird.

Differenzialdiagnose

Dentinhyperästhesie ist eine Ausschlussdiagnose. Karies, Pulpitis, Schmelzrisse, undichte oder frakturierte Restaurationen sowie postoperative Beschwerden können ähnliche Symptome hervorrufen und müssen vor der Diagnosestellung ausgeschlossen werden (Liu et al., 2020). Prävalenz, Differenzialdiagnostik und Managementoptionen sind im eigenen Artikel zur Dentinhypersensibilität vertieft dargestellt.

Evidenzlage

Was die aktuelle Evidenz stützt

  • Aufbau und Zusammensetzung des Dentins sowie seine Einordnung als Teil des Dentin-Pulpa-Komplexes sind gut etabliert
  • Primär-, Sekundär- und Tertiärdentin sowie Reaktions- und Reparaturdentin sind etablierte biologische Konzepte
  • Die hydrodynamische Theorie bleibt der breit akzeptierte klinische Erklärungsrahmen für Dentinhyperästhesie
  • Neuere mechanistische Forschung untersucht ergänzende Erklärungsmodelle, ohne den etablierten klinischen Konsens bislang abzulösen

Warum das relevant ist

Dentin als Teil eines lebendigen Dentin-Pulpa-Komplexes zu verstehen, erklärt zwei klinisch wichtige Tatsachen zugleich: Freiliegendes Dentin kann empfindlich werden, aber das Gewebe kann auch eine begrenzte innere Schutzreaktion entwickeln. Keines von beidem bedeutet, dass äußerlich verlorene Zahnhartsubstanz regeneriert.

Was die Daten derzeit nicht zeigen

  • Keinen abschließenden Konsens zum exakten molekularen Mechanismus der Dentinhyperästhesie (Flüssigkeitsbewegung versus Ionentransport versus weitere Mechanismen)
  • Keine verlässliche Vorhersage, bei welchem individuellen Ausmaß freiliegenden Dentins Empfindlichkeit tatsächlich auftritt
  • Begrenzte Evidenz dazu, in welchem Ausmaß die natürliche Tertiärdentinbildung allein klinisch relevante Protektion gegenüber fortschreitenden Schädigungen bietet

Goldberg, Kulkarni, Young, Boskey (2011): Dentin: structure, composition and mineralization. Frontiers in Bioscience (Elite Edition), 3(2), 711–735. Grundlegende Übersichtsarbeit zu Struktur, Zusammensetzung, Dentinogenese und den Formen der Dentinbildung.

Farges, Alliot-Licht, Renard, Ducret, Gaudin, Smith, Cooper (2015): Dental Pulp Defence and Repair Mechanisms in Dental Caries. Mediators of Inflammation, 2015, 230251. Review zu Abwehr- und Reparaturmechanismen des Dentin-Pulpa-Komplexes, einschließlich Reaktions- und Reparaturdentin.

Brännström, Åström (1972): The hydrodynamics of the dentine; its possible relationship to dentinal pain. International Dental Journal, 22(2), 219–227. Grundlegende Arbeit; etabliert die hydrodynamische Theorie der Dentinhyperästhesie.

Liu, Tenenbaum, Wilder, Quock, Hewlett, Ren (2020): Pathogenesis, diagnosis and management of dentin hypersensitivity: an evidence-based overview for dental practitioners. BMC Oral Health, 20, 220. Aktuelle Übersichtsarbeit; bestätigt die hydrodynamische Theorie als weiterhin breit akzeptierten Rahmen und beschreibt Differenzialdiagnostik und Management.

Chen, Deng, Jiang et al. (2023): The mechanism of dentine hypersensitivity: Stimuli-induced directional cation transport through dentinal tubules. Nano Research, 16(1), 991–998. Elektrochemische und elektroneurophysiologische Studie; schlägt gerichteten Kationentransport als alternativen Mechanismus zur klassischen Flüssigkeitsbewegung vor.

Hinweis: Die Inhalte des KEERN Lexikons vermitteln wissenschaftlich fundiertes Wissen zur Mundgesundheit. Sie können das Gespräch mit Ihrer Zahnärztin, Ihrem Zahnarzt, Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke unterstützen, ersetzen jedoch keine individuelle Diagnose oder Therapie.