Fachliche Einordnung
Klinische Relevanz
- Patientenberatung bei Wunsch nach keramischer Versorgung oder Verdacht auf Titanunverträglichkeit
- Differenzierung zwischen Implantatkörper, Abutment und Krone bei Materialanfragen
- Einordnung der wachsenden, aber weiterhin kleineren Datenlage zu zweiteiligen Systemen in der Fallplanung
- Realistische Einordnung kommerzieller Aussagen zu ‘bioaktiven‘ oder ‘metallfreien‘ Implantatsystemen
Material und Klassifikation
Viele klinisch eingesetzte Zirkonoxidimplantate bestehen aus yttriumoxid-stabilisiertem, tetragonalem polykristallinem Zirkonoxid (Y-TZP); Materialzusammensetzung und Generation können jedoch je nach System variieren. Die deutsche S3-Leitlinie zur Verwendung dentaler Keramikimplantate (Thiem et al., 2022; Deutsche Gesellschaft für Implantologie, DGI) erkennt Zirkonoxidimplantate als klinisch einsetzbare Alternative zu Titan an, betont dabei jedoch Limitationen in der Langzeitevidenzbasis, insbesondere bei zweiteiligen Implantatsystemen.
Als Oxidkeramik unterliegt Zirkonoxid nicht denselben elektrochemischen Korrosionsprozessen wie metallische Implantatmaterialien. Sein Langzeitverhalten wird stattdessen durch andere materialabhängige Prozesse beeinflusst, darunter Oberflächenveränderungen, hydrothermale Alterung und mechanische Ermüdung.
Klinische Überlebensdaten
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse (Roehling, Gahlert, Bacevic, Woelfler, Laleman, 2023), Teil der Proceedings der Seventh ITI Consensus Conference, identifizierte sechs klinische Kohortenstudien (vier prospektiv, zwei retrospektiv) mit mindestens fünf Jahren Nachbeobachtung. Die Metaanalyse ergab nach fünf Jahren eine mittlere Implantatüberlebensrate von 97,2 % (Spannweite 93,8–100 %; 95%-KI 94,7–99,1 %), einen mittleren marginalen Knochenverlust von 1,1 mm sowie eine mittlere Sondierungstiefe von 3,0 mm; diese Werte liegen im Bereich publizierter Titanwerte, basieren jedoch auf einem indirekten Vergleich mit veröffentlichten Titandaten und nicht auf einem umfangreichen Korpus direkter Head-to-Head-Studien. Zum Zeitpunkt dieser Übersichtsarbeit bezogen sich belastbare Aussagen überwiegend auf einteilige Zirkonoxidimplantate für Einzelkronen und dreigliedrige Brücken.
Eine 2026 publizierte prospektive Multizenterstudie (Roehling, Bormann, Bornstein, Laval, Thieringer, Gahlert, 2026) untersuchte das Langzeitverhalten eines kommerziell verfügbaren einteiligen Zirkonoxid-Implantatsystems (Y-TZP, sandgestrahlte und säuregeatzte Oberfläche) an drei klinischen Zentren in Deutschland über zehn Jahre. Von ursprünglich 44 Patient:innen mit 44 Implantaten waren nach zehn Jahren 35 Patient:innen mit 35 Implantaten zur Auswertung verfügbar. Die geschätzte Zehnjahres-Überlebensrate lag bei 97,7 % (95%-KI 97,27–98,13 %); zusätzlich zu Überlebens- und Erfolgsraten sowie periimplantären Knochenwerten wurden auch ästhetische Ergebnisse mittels Pink Esthetic Score (PES) und White Esthetic Score (WES) erfasst. Diese Studie liefert damit prospektive multizentrische Zehnjahresdaten für ein kommerziell verfügbares einteiliges Zirkonoxidsystem, bezieht sich jedoch auf eine begrenzte Kohortengröße und ein einzelnes Implantatsystem; eine breite Generalisierbarkeit auf andere Systeme, Oberflächen und insbesondere zweiteilige Konfigurationen lässt sich daraus nicht ableiten.
Eine systematische Übersichtsarbeit (Bazal-Bonelli, Castro-Janeiro, Ríos-Barbero, Cano Sánchez de Tembleque, López-Quiles, Meniz-García, Cortés-Bretón Brinkmann, 2025) wertete gezielt zweiteilige Zirkonoxidimplantate aus: Sechs Studien mit insgesamt 298 Implantaten und Nachbeobachtungszeiten von durchschnittlich rund 18 bis über 111 Monaten ergaben eine Überlebensrate von 96,3 %. Diese Daten deuten auf eine ermutigende Entwicklung bei zweiteiligen Systemen hin; belastbare Zehnjahresdaten in der Größenordnung der neueren einteiligen Studie liegen für zweiteilige Systeme bislang jedoch nicht vor.
Frühere Studien zeigen zudem, dass Materialgeneration, Herstellungsverfahren und Oberflächenmodifikation die klinischen Ergebnisse beeinflussen können. Resultate eines Systems lassen sich deshalb nicht automatisch auf sämtliche Zirkonoxidimplantate übertragen.
Implantatkörper, Abutment und Krone: eine notwendige Trennung
Für die korrekte Einordnung von Studien und Patientenanfragen ist strikt zwischen drei Ebenen zu unterscheiden: dem Zirkonoxid-Implantatkörper (im Knochen verankert), dem Zirkonoxid-Abutment (transmukosale Verbindungskomponente) und der Zirkonoxid-Krone (prothetische Restauration). Periimplantäre Parameter bei Zirkonoxid- versus Titanabutments können sich als vergleichbar erweisen; dies ist jedoch eine eigenständige Fragestellung, unabhängig vom Material des Implantatkörpers selbst. Viele Patient:innen, die von einem ‘Zirkonimplantat‘ sprechen, tragen tatsächlich ein Titanimplantat mit Zirkonoxid-Abutment oder -Krone.
Titanunverträglichkeit als Indikation
Bei einem fachlich begründeten Verdacht auf eine Unverträglichkeitsreaktion gegenüber Bestandteilen eines titanbasierten Systems kann ein keramischer Implantatkörper erwogen werden. Die Auswahl ersetzt jedoch keine strukturierte zahnärztliche beziehungsweise fachärztliche Diagnostik; außerdem können zweiteilige Zirkonoxidsysteme zusätzliche metallische Verbindungs- oder Schraubenelemente enthalten, die bei der Beratung berücksichtigt werden sollten.
Was die aktuelle Evidenz stützt
- Zirkonoxid osseointegriert und funktioniert klinisch als Implantatmaterial
- Hohe Überlebensraten über fünf Jahre in mehreren unabhängigen Kohorten, konsistent im Bereich publizierter Titanwerte
- Belastbare Zehnjahresdaten für ein einteiliges System mit hoher Überlebensrate (97,7 %) aus einer prospektiven Multizenterstudie
- Ermutigende, wachsende Datenlage auch für zweiteilige Systeme, wenn auch mit insgesamt kleineren Kohorten
Warum das relevant ist
Ein Material kann eine klinisch valide Alternative sein, ohne dieselbe Evidenztiefe wie der historische Standard zu besitzen. Die Unterscheidung zwischen ‘funktioniert klinisch‘ und ‘verfügt über eine ebenso breite Langzeitevidenzbasis‘ verhindert sowohl unbegründete Skepsis als auch unbegründete Gleichwertigkeitsansprüche.
Was die Daten derzeit nicht zeigen
- Nur begrenzte direkte Langzeitvergleichsdaten zwischen Zirkonoxid- und Titanimplantatkörpern aus Head-to-Head-Studien
- Trotz wächsender Datenlage weiterhin deutlich weniger Langzeitstudien zu zweiteiligen Zirkonoxidimplantaten; längere Beobachtungszeiträume wurden zwar für einzelne Systeme berichtet, die Kohorten sind jedoch klein, und die Evidenzbasis bleibt insgesamt deutlich schmäler als bei einteiligen Systemen oder bei Titan
- Keine ausreichende klinische Evidenz für eine generell geringere Biofilmakkumulation oder ein reduziertes Periimplantitisrisiko gegenüber Titan über verschiedene Oberflächen und Systeme hinweg; entsprechende In-vitro- und Oberflächenstudien lassen sich nicht direkt auf klinische Ergebnisse übertragen
- Keine ausreichende Übertragbarkeit von Ergebnissen einzelner Systeme und Oberflächen, einschließlich der neuen Zehnjahresdaten, auf Zirkonoxidimplantate im Allgemeinen
Evidenzlage
Thiem, Stephan, Kniha, Kohal, Röhling, Spies, Stimmelmayr, Grötz (2022): German S3 guideline on the use of dental ceramic implants. International Journal of Implant Dentistry, 8, 43. Deutsche S3-Leitlinie der DGI; Konsensempfehlungen zu Indikation, Material und Grenzen keramischer Implantate.
Roehling, Gahlert, Bacevic, Woelfler, Laleman (2023): Clinical and radiographic outcomes of zirconia dental implants, a systematic review and meta-analysis. Clinical Oral Implants Research, 34(Suppl 26), 112–124. Grundlage der ITI-Konsensus-Statements zu Überlebensraten und periimplantären Parametern bei fünf Jahren.
Bazal-Bonelli, Castro-Janeiro, Ríos-Barbero, Cano Sánchez de Tembleque, López-Quiles, Meniz-García, Cortés-Bretón Brinkmann (2025): Clinical behavior of two-piece zirconia implants. A systematic review. Medicina Oral Patología Oral y Cirugía Bucal, 30(3), e313–e321. Aktuelle, gezielt auf zweiteilige Systeme fokussierte Übersichtsarbeit; ergänzt die begrenzte Datenlage aus älteren Konsensusberichten.
Roehling, Bormann, Bornstein, Laval, Thieringer, Gahlert (2026): Long-Term Clinical, Radiographic and Esthetic Outcomes of Zirconia Dental Implants, a 10-Year Prospective Multicenter Study. Clinical Oral Implants Research, 37(4), 439–452. Prospektive Multizenterstudie mit belastbaren Zehnjahresdaten für ein einteiliges Zirkonoxidsystem; erfasst zusätzlich ästhetische Ergebnisse (PES/WES).