Fachliche Einordnung
Klinische Relevanz
- Diagnostik periimplantärer Gesundheit, Mukositis und Periimplantitis nach aktueller Falldefinition
- Etablierung individualisierter Recall-Intervalle und Basisuntersuchungen (Sondierungstiefen, Radiographie) zur Früherkennung
- Patientenaufklärung zur Bedeutung konsequenter Biofilmkontrolle an Implantatoberflächen
- Realistische Einordnung von Titanpartikeln, Korrosion und Hypersensitivität gegenüber Patientenanfragen zu ‘Titanunverträglichkeit‘
Osseointegration und Oxidschicht
Die maßgeblich durch Brånemark und Kollegen seit den 1960er-Jahren geprägte Osseointegration bezeichnet die direkte strukturelle und funktionelle Verbindung zwischen lebendem Knochen und der Implantatoberfläche unter funktioneller Belastung. Einen wesentlichen Beitrag zur Korrosionsbeständigkeit und Biokompatibilität leistet die spontan gebildete, stabile Titanoxidschicht, die bei Verletzung rasch regeneriert. Das klinische Verhalten eines Implantats wird jedoch nicht durch die Oxidschicht allein bestimmt, sondern durch das Zusammenspiel von Materialzusammensetzung, Oberflächentopographie, Oberflächenenergie und -chemie, möglicher Kontamination, Implantatdesign und individueller Gewebereaktion. Wird die Oxidschicht durch mechanische, chemische oder mikrobiell-entzündliche Einflüsse geschädigt oder destabilisiert, kann die Korrosionsneigung zunehmen.
Klassifikation periimplantärer Erkrankungen
Der 2017 World Workshop on the Classification of Periodontal and Peri-Implant Diseases and Conditions (EFP/AAP) definierte konsentierte Fallkriterien für periimplantäre Gesundheit, periimplantäre Mukositis und Periimplantitis (Berglundh et al., 2018). Periimplantäre Gesundheit ist gekennzeichnet durch das Fehlen von Erythem, Blutung auf Sondierung, Schwellung und Suppuration; sie kann auch bei reduziertem, aber stabilem Knochenniveau vorliegen. Periimplantäre Mukositis ist durch Blutung auf sanfte Sondierung gekennzeichnet, mit starker Evidenz für Biofilm als ätiologischen Faktor. Periimplantitis liegt vor, wenn zusätzlich zu den Entzündungszeichen ein fortschreitender Verlust an stützendem Knochen über das durch funktionelle Belastung und initiales Remodeling zu erwartende Maß hinaus nachweisbar ist (Renvert et al., 2018). Periimplantitis weist klinische und ätiologische Parallelen zur Parodontitis auf, unterscheidet sich jedoch aufgrund des fehlenden Parodontalligaments beziehungsweise Desmodonts, abweichender Faserorientierung des Bindegewebes und teils rascherer Progression als eigenständiges Krankheitsbild.
Liegen keine früheren Untersuchungs- oder Röntgendaten vor, gelten nach Renvert et al. (2018) Blutung und/oder Suppuration bei Sondierung in Kombination mit Sondierungstiefen von mindestens 6 mm und einem radiologischen Knochenniveau von mindestens 3 mm apikal des koronalsten intraossären Implantatanteils als Hinweis auf Periimplantitis. Diese sekundäre Falldefinition dient der Einordnung bei fehlenden Ausgangsdaten, nicht als universeller Schwellenwert. Eine diagnostische Genauigkeitsstudie (Romandini et al., 2021) fand für dieses Kriterium eine hohe Spezifität, aber eine niedrige Sensitivität gegenüber tatsächlichen Ausgangsdaten, insbesondere bei frühen oder beginnenden Fällen, was die Bedeutung dokumentierter Basisbefunde unterstreicht.
Titanpartikel und Korrosion
Ein umfassender kritischer Review (Mombelli, Hashim, Cionca, 2018) fasst die Evidenz zu Titanpartikeln, Biokorrosion und Implantatkomplikationen zusammen. Titanpartikel können vor, während und nach der Implantation aus unterschiedlichen Quellen freigesetzt werden, etwa durch das Einsetzen selbst, mechanischen Verschleiß oder Kontakt mit chemischen Substanzen, und werden sowohl um gesunde als auch um erkrankte Implantate nachgewiesen, in erkranktem Gewebe jedoch in höherer Konzentration. Die Evidenz spricht eher für eine mögliche bidirektionale Wechselwirkung als für eine eindeutig belegte einseitige Kausalität: Entzündung und bakterielle Aktivität können die Korrosion über einen abfallenden lokalen pH-Wert fördern, während freigesetzte Partikel gleichzeitig proinflammatorische Eigenschaften zeigen können. Insgesamt besteht eine Assoziation zwischen Biokorrosion, Titanpartikeln und biologischen Implantatkomplikationen, jedoch keine ausreichend belegte einseitige Kausalität.
Titan-Hypersensitivität
Überempfindlichkeitsreaktionen auf titanbasierte Implantatmaterialien wurden beschrieben, gelten jedoch als selten und diagnostisch schwer eindeutig zuzuordnen. Die deutsche S3-Leitlinie zur Titan-Hypersensitivität in der Implantologie (Müller-Heupt et al., 2022) stellt fest, dass verfügbare diagnostische Verfahren wie der Epikutantest oder der Lymphozytentransformationstest uneinheitliche Ergebnisse hinsichtlich Reliabilität und Validität zeigen. Ein standardisiertes, klinisch zuverlässig prädiktives Testverfahren steht derzeit nicht zur Verfügung; positive Testergebnisse sagen nicht zuverlässig voraus, ob ein Implantat klinische Beschwerden verursachen wird. Bei begründetem klinischem Verdacht empfiehlt die Leitlinie eine strukturierte fachärztliche Abklärung.
Prävention und Therapie
Die EFP S3-Leitlinie zur Prävention und Behandlung periimplantärer Erkrankungen (Herrera et al., 2023) betont interdisziplinäre Ansätze zur Vermeidung von Erstauftreten und Rezidiven, einschließlich präimplantologischer Risikobewertung, parodontaler Vorbehandlung bei bestehender Parodontitis sowie strukturierter unterstützender periimplantärer Therapie nach Abschluss der aktiven Behandlung.
Zur Einordnung des Evidenzgrads
Die Evidenz ist hoch für das Prinzip der Osseointegration, die langjährige klinische Bewährung titanbasierter Implantate und die biofilmassoziierte Entstehung periimplantärer Erkrankungen. Für die kausale Rolle von Titanpartikeln und Korrosion sowie für immunologisch vermittelte Unverträglichkeitsreaktionen und die Aussagekraft verfügbarer Testverfahren ist die Evidenz dagegen begrenzt und uneinheitlich.
Was die Daten derzeit nicht zeigen
- Keine belegte einseitige Kausalität zwischen Titanpartikeln und der Entstehung von Periimplantitis
- Keine ausreichend standardisierten, klinisch prädiktiven Testverfahren zur Titan-Hypersensitivität
- Kein einzelner Knochenabbau-Grenzwert, der unabhängig von Ausgangsniveau, Heilungsremodeling und Verlaufsdaten für alle Implantate Diagnose oder Prognose bestimmt; die Diagnose erfordert die Einordnung gegenüber Ausgangsaufnahmen beziehungsweise definierten Ersatzkriterien
Evidenzlage
Berglundh, Armitage, Araujo et al. (2018): Peri-implant diseases and conditions: Consensus report of workgroup 4 of the 2017 World Workshop. Journal of Clinical Periodontology, 45(Suppl 20), S286–S291.
Renvert, Persson, Pirih, Camargo (2018): Peri-implant health, peri-implant mucositis, and peri-implantitis: Case definitions and diagnostic considerations. Journal of Clinical Periodontology, 45(Suppl 20), S278–S285.
Romandini, Berglundh, Derks, Sanz, Berglundh (2021): Diagnosis of peri-implantitis in the absence of baseline data: A diagnostic accuracy study. Clinical Oral Implants Research, 32(3), 297–313. Fand eine hohe Spezifität, jedoch eine niedrige Sensitivität der WWP-2017-Sekundärkriterien gegenüber tatsächlichen Ausgangsdaten.
Herrera, Berglundh, Schwarz et al. (2023): Prevention and treatment of peri-implant diseases, the EFP S3 level clinical practice guideline. Journal of Clinical Periodontology, 50(Suppl 26), 4–76.
Mombelli, Hashim, Cionca (2018): What is the impact of titanium particles and biocorrosion on implant survival and complications? A critical review. Clinical Oral Implants Research, 29(Suppl 18), 37–53.
Müller-Heupt, Schiegnitz, Kaya, Jacobi-Gresser, Kämmerer, Al-Nawas (2022): The German S3 guideline on titanium hypersensitivity in implant dentistry: consensus statements and recommendations. International Journal of Implant Dentistry, 8, 51.