Fachliche Einordnung
Klinische Relevanz
- Vermittlung eines funktionell-ökologischen, nicht rein eliminatorischen Verständnisses von Mundgesundheit gegenüber Patient:innen
- Einordnung von Dysbiose als gemeinsamer, aber mechanistisch unterschiedlicher Faktor bei Karies und parodontalen Erkrankungen
- Kritische Bewertung stark antibakterieller Produkte hinsichtlich Nutzen-Risiko-Verhältnis bei Dauergebrauch, ohne pauschale Ablehnung indizierter Anwendungen
- Einordnung kommerzieller „Mikrobiom“-Aussagen vor dem Hintergrund begrenzter Interventionsevidenz
Ökologisches Modell: von Eubiose zu Dysbiose
Die ökologische Plaque-Hypothese (Marsh, 1994) beschreibt orale Erkrankungen nicht als Folge einzelner spezifischer Pathogene, sondern als Ergebnis ökologischer Verschiebungen innerhalb einer bestehenden, meist symbiotischen mikrobiellen Gemeinschaft. Häufige Säureexposition durch fermentierbare Kohlenhydrate selektiert azidogene, säuretolerante Arten und begünstigt Karies, hier typischerweise mit einer Verringerung der Artenvielfalt zugunsten weniger dominanter Taxa. Bei parodontalen Erkrankungen verschiebt sich die subgingivale Gemeinschaft dagegen tendenziell hin zu einer komplexeren, proteolytischen, obligat anaeroben, gramnegativen Zusammensetzung, häufig nicht mit verringerter, sondern veränderter Diversität. Aktuelle Übersichtsarbeiten (Lamont, Koo, Hajishengallis, 2018) betonen daher, dass die kollektive Funktion der mikrobiellen Gemeinschaft, nicht die Artenzahl allein, der maßgebliche Treiber für Homöostase oder Dysbiose ist.
Bei Gingivitis und Parodontitis ist diese Verschiebung zudem eng mit der Wirtsantwort verknüpft: Biofilmakkumulation löst eine Entzündungsreaktion aus, und die veränderte lokale Umgebung (u. a. erhöhtes Angebot an Sulkusflüssigkeit und Entzündungsmediatoren) begünstigt wiederum das Wachstum proteolytischer, dysbiotischer Taxa, ein sich selbst verstärkendes Wechselspiel (Feedforward-Loop) zwischen Mikrobiota und Wirt, wie es Lamont, Koo und Hajishengallis (2018) sowie der EFP/ORCA-Konsensbericht (Sanz et al., 2017) beschreiben. Bei Karies wird die ökologische Verschiebung dagegen wesentlich durch die häufige Zufuhr fermentierbarer Kohlenhydrate und wiederholte pH-Abfälle angetrieben.
Diversität und Zusammensetzung
Dewhirst et al. (2010) etablierten mit der Human Oral Microbiome Database (HOMD) eine kuratierte, standortspezifische Taxonomie von über 600 prokaryotischen Taxa der Mundhöhle, basierend auf 16S-rRNA-Sequenzierung. Kilian et al. (2016) beziffern die Zahl in einer aktuelleren Einordnung auf über 700 bakterielle Taxa beziehungsweise Arten, die Diskrepanz spiegelt fortlaufende taxonomische Ergänzungen wider, nicht einen Widerspruch; ein erheblicher Teil der Taxa bleibt zudem bislang unkultiviert oder unvollständig klassifiziert. Auch diese Zahl ist kein abschließender Stand: Die Taxonomie des oralen Mikrobioms wird laufend ergänzt und überarbeitet, sodass die genaue Artenzahl eher eine Momentaufnahme als eine feste Größe darstellt.
Baker et al. (2024, online 2023) fassen in einem aktuellen Nature Reviews Microbiology-Übersichtsartikel den heutigen Kenntnisstand zusammen und bestätigen eine ausgeprägt strukturierte Biogeographie der oralen Gemeinschaften: Die Zusammensetzung folgt konsistenten, standortspezifischen Mustern über verschiedene Nischen hinweg, mit Bakterien, Mikroeukaryoten, Archaeen und Viren als Mitgliedern. Diese neuere Arbeit ergänzt die grundlegenden taxonomischen Arbeiten von Dewhirst und Kilian um eine stärker ökologisch-strukturelle Perspektive, ohne deren Befunde infrage zu stellen.
Die Mundhöhle umfasst mehrere distinkte ökologische Nischen, Zähne, Gingivalsulkus, Zunge, Wangenschleimhaut, harter und weicher Gaumen, Tonsillen, mit jeweils charakteristischen mikrobiellen Gemeinschaften. Trotz erheblicher interindividueller Variation lässt sich ein gemeinsamer Kernbestand an Arten identifizieren.
Was die aktuelle Evidenz stützt
- Die standortspezifische Organisation des oralen Mikrobioms und seine taxonomische Charakterisierung, konsistent über mehrere unabhängige Arbeiten hinweg (Dewhirst 2010, Kilian 2016, Baker 2024)
- Die grundsätzliche Bedeutung ökologischer Verschiebungen für die Entstehung von Karies und parodontalen Erkrankungen, wenn auch über unterschiedliche Mechanismen
- Das Feedforward-Modell zwischen Biofilmakkumulation, Wirtsentzündung und mikrobieller Verschiebung bei Gingivitis und Parodontitis
Warum das relevant ist
Diese Unterscheidung ist relevant, weil Mikrobiom-Messungen zunehmend in kommerziellen Tests und Produktversprechen verwendet werden. Ein Unterschied in der mikrobiellen Zusammensetzung festzustellen belegt für sich genommen weder eine Erkrankung noch Kausalität noch einen klinischen Nutzen durch die Veränderung dieser Zusammensetzung.
Was die Daten derzeit nicht zeigen
- Keine gesicherte, standardisierte Definition eines „optimalen“ individuellen Mikrobiom-Profils
- Begrenzte kontrollierte Evidenz zu gezielten, produktbasierten Interventionen zur nachhaltigen Veränderung der mikrobiellen Zusammensetzung
- Keine abschließende Klärung, inwieweit beobachtete Assoziationen zwischen bestimmten Taxa und Krankheitszuständen ursächlich oder Folge der Erkrankung sind
- Keine abschließend geklärte langfristige klinische Bedeutung mikrobieller Zusammensetzungsänderungen durch regelmäßige Anwendung antiseptischer Wirkstoffe
- Kein validiertes, allgemeingültiges Mikrobiom-Profil, das Mundgesundheit oder Erkrankung für einzelne Verbraucher unabhängig von klinischen Befunden definieren kann
- Keine Grundlage für die Annahme, dass eine produktbedingte Veränderung der Mikrobiom-Zusammensetzung notwendigerweise einen klinisch vorteilhaften Wandel darstellt
Evidenzlage
Marsh (1994): Microbial ecology of dental plaque and its significance in health and disease. Advances in Dental Research, 8(2), 263–271. Grundlegende Arbeit; etabliert die ökologische Plaque-Hypothese.
Dewhirst, Chen, Izard, Paster, Tanner, Yu, Lakshmanan, Wade (2010): The Human Oral Microbiome. Journal of Bacteriology, 192(19), 5002–5017. Etabliert die Human Oral Microbiome Database (HOMD); standortspezifische taxonomische Charakterisierung.
Kilian, Chapple, Hannig, Marsh, Meuric, Pedersen, Tonetti, Wade, Zaura (2016): The oral microbiome, an update for oral healthcare professionals. British Dental Journal, 221(10), 657–666. Aktualisierte Übersicht für die zahnmedizinische Praxis; Grundlage für die häufig zitierte Artenzahl von über 700.
Lamont, Koo, Hajishengallis (2018): The oral microbiota: dynamic communities and host interactions. Nature Reviews Microbiology, 16(12), 745–759. Zentrale Quelle für das funktionale, nicht rein artenzahlbasierte Verständnis von Dysbiose sowie das Feedforward-Modell bei Karies und Parodontitis.
Baker, Mark Welch, Kauffman, McLean, He (2024, online 2023): The oral microbiome: diversity, biogeography and human health. Nature Reviews Microbiology, 22(2), 89–104. Aktueller Übersichtsartikel; bestätigt die ausgeprägt strukturierte Biogeographie oraler Gemeinschaften über Bakterien, Mikroeukaryoten, Archaeen und Viren hinweg und ordnet die Taxonomie als fortlaufend in Entwicklung ein.
Sanz, Beighton, Curtis, Cury, Dige, Dommisch, Ellwood, Giacaman, Herrera, Herzberg, Könönen, Marsh, Meyle, Mira, Molina, Mombelli, Quirynen, Reynolds, Shapira, Zaura (2017): Role of microbial biofilms in the maintenance of oral health and in the development of dental caries and periodontal diseases. Journal of Clinical Periodontology, 44(Suppl 18), S5–S11. Konsensbericht der gemeinsamen EFP/ORCA-Arbeitsgruppe zu ökologischen Interaktionen im dentalen Biofilm.
Inchingolo, Inchingolo, Palumbo, Guglielmo, Riccaldo, Morolla, Inchingolo, Palermo, Dipalma (2025): The role of probiotics in preventing dental caries: a systematic review of clinical evidence. Frontiers in Oral Health, 6, 1720036. Aktuelles systematisches Review; findet Hinweise auf stammspezifischen Nutzen, bei fortbestehender Heterogenität hinsichtlich Stamm, Dosierung und Anwendungsform.