Wirkstoffe

Hydroxylapatit

Evidenz: Mittel Wirkstoffe Lesezeit: ca. 5 Min. Fachlich geprüft: 15.07.2026 · KEERN Redaktion

Hydroxylapatit ist ein Calciumphosphat-Mineral und Hauptbestandteil der mineralischen Phase von Zahnschmelz, Dentin und Knochen. In der Mundpflege wird es als biomimetischer Inhaltsstoff eingesetzt. Die deutsche S3-Leitlinie AWMF 083-021 spricht derzeit keine Anwendungsempfehlung für Nano-Hydroxylapatit in der Kariesprävention aus. Neuere systematische Übersichtsarbeiten untersuchen Hydroxylapatit in bestimmten Formulierungen und Anwendungskontexten; ihre Ergebnisse sind getrennt vom aktuellen Leitlinienstatus einzuordnen.

Wichtig

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle zahnärztliche oder ärztliche Beratung. Ob und in welcher Form ein Wirkstoff sinnvoll ist, hängt von der jeweiligen klinischen Situation und dem verwendeten Präparat ab.

Definition

Hydroxylapatit (HAp) ist ein Calciumphosphat-Mineral mit der Summenformel Ca₁₀(PO₄)₆(OH)₂. Es bildet die mineralische Grundstruktur von Zahnschmelz, Dentin und Knochen.

In der Mundpflege wird Hydroxylapatit als biomimetischer Inhaltsstoff eingesetzt, also dem körpereigenen Material nachempfunden. Der in Zahnpflegeprodukten verwendete Hydroxylapatit ist synthetisch hergestellt und unterscheidet sich je nach Partikelgröße, Kristallinität, Morphologie und Herstellungsverfahren.

Kurz gesagt

Hydroxylapatit ist das Mineral, aus dem Zahnschmelz überwiegend besteht. Als Zahnpflege-Inhaltsstoff wird es seit einigen Jahren wissenschaftlich untersucht. Die deutsche S3-Leitlinie spricht dafür derzeit keine Empfehlung aus. Neuere Übersichtsarbeiten liefern Daten zu bestimmten Formulierungen; diese Ergebnisse lassen sich nicht auf jedes hydroxylapatithaltige Produkt übertragen.

Substanz und Formulierung sind nicht dasselbe

Dieser Punkt ist zentral für das Verständnis der gesamten Datenlage.

Wenn eine Studie zeigt, dass ein bestimmtes Produkt mit Hydroxylapatit ein bestimmtes Ergebnis erzielt hat, ist damit eine Aussage über dieses Produkt getroffen: nicht über Hydroxylapatit als Substanz und nicht über andere Produkte, die Hydroxylapatit enthalten.

Partikelgröße, Konzentration, Kristallstruktur, Trägerformulierung, pH-Wert und die Kombination mit anderen Inhaltsstoffen beeinflussen das Verhalten des Materials an der Zahnoberfläche. Zwei Zahnpasten mit identischer Deklaration können sich erheblich unterscheiden.

Formulierungen wie ‘Hydroxylapatit remineralisiert Zähne‘ verkürzen deshalb unzulässig: Sie schreiben einer Substanz zu, was allenfalls für einzelne untersuchte Formulierungen gezeigt wurde.

Leitlinienstatus

Die S3-Leitlinie ‘Kariesprävention bei bleibenden Zähnen‘ (AWMF 083-021, Version 2.0, 2025) führt Nano-Hydroxylapatit unter den chemischen Verbindungen auf, für die im Rahmen der Kariesprävention keine Empfehlung ausgesprochen werden kann. Die Leitlinie stützt sich dabei auf die von ihr herangezogene Bewertung.

Das bedeutet nicht, dass keine wissenschaftlichen Daten vorliegen oder dass eine Wirkung ausgeschlossen ist. Es bedeutet, dass die zum Bewertungszeitpunkt herangezogene Evidenz nach den Kriterien der Leitlinie nicht ausreichte, um eine formale Empfehlung abzuleiten.

Für fluoridhaltige Zahnpasta gibt dieselbe Leitlinie eine starke Empfehlung (Grad A). Diese Asymmetrie ist der aktuelle Stand in Deutschland.

Aktuelle Forschung

Neuere systematische Übersichtsarbeiten untersuchen Hydroxylapatit als remineralisierenden und kariespräventiven Ansatz. Sie werten klinische Studien zu bestimmten Formulierungen aus und kommen zu unterschiedlich weitreichenden Schlussfolgerungen.

Die klinische Evidenz zu Hydroxylapatit basiert bislang auf einer im Vergleich zu etablierten Fluoridstrategien kleineren Zahl von Studien und Forschungsgruppen. Die Interpretation der Ergebnisse sollte deshalb Studiendesign, untersuchte Formulierung, Endpunkte und Reproduzierbarkeit der Daten berücksichtigen.

Ob diese Daten für eine zukünftige Leitlinienempfehlung ausreichen, lässt sich nicht vorwegnehmen.

Was die Daten derzeit nicht zeigen

  • Keine Grundlage für die Aussage, Hydroxylapatit sei Fluorid gleichwertig oder überlegen
  • Keine Übertragbarkeit von Studienergebnissen einer Formulierung auf beliebige andere Produkte
  • Keine Empfehlung durch die deutsche S3-Leitlinie zur Kariesprävention
  • Keine Grundlage für die Aussage, Hydroxylapatit ersetze mechanische Biofilmentfernung oder Zuckerreduktion

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Hydroxylapatit ist das Hauptmineral der Zahnhartsubstanz; in der Mundpflege wird es synthetisch eingesetzt
  • Partikelgröße, Konzentration und Formulierung bestimmen das Verhalten; die Deklaration allein sagt wenig aus
  • Studienergebnisse gelten für die untersuchte Formulierung, nicht für die Substanz allgemein
  • Die S3-Leitlinie AWMF 083-021 spricht derzeit keine Anwendungsempfehlung für Nano-Hydroxylapatit aus
  • Für fluoridhaltige Zahnpasta besteht dagegen eine starke Leitlinienempfehlung (Grad A)
  • Die klinische Evidenz beruht auf einer vergleichsweise kleinen Zahl von Studien und Forschungsgruppen
  • Eine vergleichende Einordnung gegenüber Fluorid bleibt Gegenstand wissenschaftlicher Bewertung

Häufige Fragen

Ist Hydroxylapatit so wirksam wie Fluorid?

Diese Frage lässt sich derzeit nicht abschließend beantworten. Für fluoridhaltige Zahnpasta besteht eine umfangreiche, langjährige klinische Evidenz und eine starke Leitlinienempfehlung. Für Hydroxylapatit liegen Daten zu bestimmten Formulierungen vor; die vergleichende Einordnung hängt von Studiendesign, Endpunkt, Produktformulierung und untersuchter Population ab. Eine pauschale Gleichsetzung oder Rangfolge lässt sich aus der aktuellen Datenlage nicht ableiten.

Warum empfiehlt die Leitlinie Hydroxylapatit nicht?

Eine Leitlinie spricht eine Empfehlung aus, wenn die bewertete Evidenz nach festgelegten methodischen Kriterien dafür ausreicht. Bei Nano-Hydroxylapatit war das zum Bewertungszeitpunkt nicht der Fall. Das ist keine Aussage darüber, dass die Substanz nicht wirkt — es ist eine Aussage über den Stand und die Bewertbarkeit der Datenlage. Der Unterschied zwischen ‚es gibt Daten‘ und ‚es gibt eine Leitlinienempfehlung‘ ist grundlegend.

Sind alle Zahnpasten mit Hydroxylapatit gleich?

Nein. Die Deklaration eines Inhaltsstoffs sagt wenig über Partikelgröße, Konzentration, Kristallstruktur, Trägerformulierung oder Kombination mit anderen Bestandteilen aus. Diese Faktoren beeinflussen das Verhalten an der Zahnoberfläche. Ergebnisse aus Studien zu einem Produkt lassen sich deshalb nicht auf andere Produkte übertragen, auch wenn beide Hydroxylapatit enthalten.

Kann ich Hydroxylapatit und Fluorid kombinieren?

Die Kombination beider Ansätze wird in der Literatur untersucht; eine Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass die Kombination mit Fluorid im ausgewerteten Material eine bessere Remineralisation begünstigt. Eine allgemeine Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Bei erhöhtem Kariesrisiko sollte die geeignete Strategie zahnärztlich abgestimmt werden.

KEERN Perspektive

KEERN betrachtet Hydroxylapatit als einen wissenschaftlich untersuchten Ansatz, nicht als Gegenentwurf zu etablierten Fluoridstrategien.

Für die Einordnung ist die Unterscheidung zwischen Substanz und Formulierung entscheidend: Aussagen über Hydroxylapatit als Material sind etwas anderes als Ergebnisse zu einer konkreten Rezeptur. KEERN vermeidet deshalb pauschale Substanzaussagen und unterscheidet konsequent zwischen leitliniengestützter Empfehlung und sich entwickelnder Evidenzlage.

Bei erhöhtem Kariesrisiko oder besonderen klinischen Fragestellungen sollte die Auswahl der geeigneten Präventionsstrategie zahnärztlich abgestimmt werden.

Fachliche Einordnung

Leitlinienstatus

Die S3-Leitlinie ‘Kariesprävention bei bleibenden Zähnen‘ (AWMF 083-021, Version 2.0, Stand 28.01.2025) führt Nano-Hydroxylapatit gemeinsam mit weiteren chemischen Verbindungen (unter anderem Zinnfluorid, Cetylpyridiniumchlorid, Caseinphosphopeptid/Amorphes Calciumphosphat, Trikalziumphosphat, Arginin und Phenole) unter den Substanzen auf, für die im Rahmen der Kariesprävention nach der von der Leitlinie herangezogenen Bewertung (Slayton et al., 2018) keine Empfehlung ausgesprochen werden kann.

Das bedeutet nicht, dass für diese Substanzen keine wissenschaftlichen Daten vorliegen oder dass eine Wirkung ausgeschlossen ist, sondern dass die zum Bewertungszeitpunkt herangezogene Evidenz nach den Kriterien der Leitlinie nicht für eine formale Empfehlung ausreichte. Zum Vergleich: Für fluoridhaltige Zahnpasta mit mindestens 1000 ppm Fluorid besteht eine starke Empfehlung (Grad A, Starker Konsens).

Wirkmechanismen

Für Hydroxylapatit werden mehrere Mechanismen diskutiert: die Bereitstellung mineralähnlicher Strukturen an der Zahnoberfläche, die Adsorption an der Schmelzoberfläche sowie eine Okklusion offener Dentintubuli im Zusammenhang mit Dentinhypersensibilität. Welcher Mechanismus in welchem Ausmaß zu einem beobachteten klinischen Effekt beiträgt, ist nicht abschließend geklärt und hängt von der jeweiligen Formulierung ab.

Substanz versus Formulierung

Klinische Daten zu Hydroxylapatit stammen aus Untersuchungen konkreter Produktformulierungen. Partikelgröße, Konzentration, Kristallinität, Morphologie, Trägersystem, pH-Wert und Begleitstoffe unterscheiden sich zwischen Produkten erheblich. Eine Übertragung von Studienergebnissen einer Formulierung auf andere hydroxylapatithaltige Produkte ist methodisch nicht zulässig. Substanzbezogene Aussagen (‘Hydroxylapatit remineralisiert‘) und formulierungsbezogene Aussagen (‘Produkt X zeigte in Studie Y Ergebnis Z‘) sind strikt zu trennen.

Evidenzlage

Die klinische Evidenz zu Hydroxylapatit basiert bislang auf einer im Vergleich zu etablierten Fluoridstrategien kleineren Zahl von Studien und Forschungsgruppen. Die Interpretation der Ergebnisse sollte deshalb Studiendesign, untersuchte Formulierung, Endpunkte und Reproduzierbarkeit der Daten berücksichtigen.

Pawinska, Paszynska, Amaechi et al. (2024): Clinical evidence of caries prevention by hydroxyapatite. Updated systematic review and meta-analysis. Journal of Dentistry, 151, 105429. Systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse; wertet klinische Studien zu konkreten Formulierungen aus.

Gudkina, Amaechi, Abrams, Brinkmane (2025): Can New Remineralizing Agents Serve as Fluoride Alternatives in Caries Prevention? Scoping Review. Oral 2025, 5, 47. Scoping Review: Dient der Übersicht über den Forschungsstand, nicht der Ableitung von Empfehlungen. Weist darauf hin, dass die Kombination mit Fluorid im ausgewerteten Material eine bessere Remineralisation begünstigt.

Naim & Sen (2025): The Remineralizing and Desensitizing Potential of Hydroxyapatite in Dentistry: A Narrative Review of Recent Clinical Evidence. Journal of Functional Biomaterials, 16(9), 325. Narrative Review: ergänzende Einordnung ohne systematische Methodik; nicht als Entscheidungsgrundlage geeignet.

Klinische Relevanz

  • Patientenanfragen zu fluoridfreien Alternativen: Einordnung des Leitlinienstatus
  • Dentinhypersensibilität: Okklusion von Dentintubuli wird als Mechanismus diskutiert
  • Produktberatung: Deklaration allein erlaubt keine Rückschlüsse auf die Formulierung
  • Abgrenzung von Nano-Hydroxylapatit: siehe eigener Eintrag, inklusive regulatorischer Einordnung

Die Inhalte des KEERN Lexikons dienen der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzen keine individuelle zahnärztliche Beratung oder Behandlung.